157—
wirksam, wenn man sie als Pole einer galvanischen Kette benutzt; bei der alsdann erfolgenden Wasserzersetzung bedeckt sich der eine Draht mit Sauerstoff-, der andere mit Wasserstoffbläschen, und diese Gase sind es, welche das Sieden der Flüssigkeit in Gang setzen. Hiervon kann man sich besonders deutlich überzeugen, wenn man statt Platin-, Kupferdrähte nimmt; der am positiven Poldraht entstehende Sauerstoff ver- bindet sich mit dem Kupfer zu Kupferoxyd; an diesem Draht bildet sich also kein Gas und das Sieden erfolgt nun auch lediglich in der Nähe des anderen Kupferdrahtes, an welchem die Wasserstoffbläschen frei aufsteigen.
Kocht man Wasser mit Weingeist gemengt bis zu einem gewissen Grade ein, oder giesst man Oel auf Wasser, oder lässt man kleinere Wasserkügelchen in einem Gemenge von Nelkenöl und Baumöl schwimmen, so werden die Siedeverzüge ausserordent- lich gross, namentlich im letzteren Fall, wo jede Berührung mit festen und gasigen Körpern vermieden ist. Immerhin aber verdient bemerkt zu werden, dass selbst ge- wöhnliches, nicht ausgekochtes Wasser, wenn es in kleinen Kügelchen in Oelgemengen schwimmt, hohe Siedeverzüge erleidet. Es ist ja auch nicht gesagt, dass das Sieden nothwendig eintreten muss, wenn eine Luftblase aus der Flüssiigkeit sich entwickelt und ausserdem ist anzunehmen, dass, je kleiner das Kügelchen ist, umsomehr die Wahrscheinlichkeit vorliegt, dass es keine Luft enthält, oder dass die Luft bereits alle entwichen ist, ehe es auf 100 erhitzt war.
Der Erste, welcher den Einfluss des Gascontacts auf das Sieden erkannt hat, war De Luc. In seiner„Introduction à la physique terrestre“ sagt er:
„Das Sieden wird durch Luftblasen hervorgehracht, welche durch die Hitze aus dem Wasser frei werden und dabei Anlass zur Entstehung einer grossen Dampfmenge geben. Hat man das Wasser vollständig von Luft befreit, so kann es im Innern nicht mehr kochen, weil die Dämpfe sich nur an freien Oberflächen bilden können. Luft- biasen, welche sich im Innern der Flüssigkeiten befinden, bilden dort freie Oberflächen, an denen das Sieden stattfinden kann. Ist Wasser vollkomnen luftfrei, so kann blos eine Verdampfung an der Oberfläche entstehen.“
Bei hohen Siedeverzügen hat schon Dufour eine starke Verdunstung an der Ober- fläche beobachtet, und dem Verfasser dieser Abhandlung ist es gelungen, Wasser bei sehr hoher Temperatur zum raschen Verdunsten zu bringen, ohne dass eine einzige Dampfblase entstand.
De Luc gründet diese seine Behauptung auf einen Versuch, welchen er in seinen „Recherches sur les modifications de l'atmosphère“§. 1055 beschrieben und mit er- staunlicher Geduld ausgeführt hat. Er hat nämlich Wasser in einer Retorte öfter ge- kocht und dann viele Tage lang durch Stösse, welche er der Retorte beigebracht, von der Luft befreit; als er nachher das Wasser erhitzte, ist es noch bis 890 R. flüssig ge- plieben, hat also einen Siedeverzug von 9o erlitten ¹).
1) Ann. de chim. T. XXXXIX. p. 235(An. XII).
60


