Aufsatz 
Über das Sieden des Wassers
Entstehung
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2) Die Natur des Gefässes hat auf den Siedepunkt keinen Einfluss, wohl aber die Gestalt und Grösse desselben; 3) Luftströme in der Nähe der Gefässwand ändern den Siedepunkt.

Gegen diese Behauptungen trat Gay-Lussac im Jahre 1817 auf ¹). Schon im Jahre 1812 ²) hatte dieser scharfsinnige Naturforscher bemerkt, dass in Glasgefässen der Siedepunkt 1,3⁰° höher liege, als in Metallgefässen, dass aber die Temperatur der

Dämpfe in beiden Arten von Gefässen nahezu dieselbe sei, wesshalb er den Vorschlag machte, bei der Graduirung der Thermometer, resp. bei der Bestimmung des Siede- punktes, die Thermometerkugel nicht in das Wasser, sondern in die Dämpfe zu halten.

Auch die Versuche von Gmelin und Muncke ³) bestätigen im Wesentlichen die Beobachtungen von Gay-Lussac, trotzdem dass diese beiden Forscher andere Ansichten aufstellten; Gay-Lussac wies ihnen aber aus ihren eigenen Tabellen nach, dass wirk- lich in Glasgefässen der Siedepunkt stets höher, als in Metallgefässen sei.

Weiter bemerkt Gay-Lussac in seiner Abhandlung vom Jahre 1817, das der Siedepunkt in Glasgefässen dem in Metallgefässen gleich werde, wenn man in die er- steren vor dem Kochen feine Eisenfeilspähne werfe.

Wirft man wälrrend des Kochens Eisenfeilspähne in das Wasser, so wird die Dampfbildung stürmischer und die Temperatur sinkt von 101,3⁰ auf 100 herab. Noch frappanter lässt sich der Siedeverzug in Glasgefässen auf folgende Art zeigen: Man erhitze Wasser in einer Kochflasche zum Sieden und entferne darauf die Lampe. Wenn nun das Wasser eben zu sieden aufgehört hat, so kann man es dadurch wieder zum Sieden bringen, dass man Sand hineinwirft.

Hiermit war die Ansicht von Achard widerlegt, dass die Natur des Gefässes kei- nen Einfluss auf den Siedepunkt habe.

Als ebenso irrig erwies sich die weitere Angabe, dass der Siedepunkt in Glas- gefässen, nicht aber in Metallgefässen constant sei. Gerade in Glasgefässen und na- mentlich bei schwachem Feuer schwankt der Siedepunkt beständig; das Kochen hört oft einen Augenblick ganz auf, das Thermometer steigt, während im nächsten Augen- plick ein plötzliches, stossweises Sieden eintritt und das Thermometer sinkt.

Noch grössere Siedeverzüge und heftigere Stösse als Wasser zeigen Salzlösungen und namentlich Schwefelsäure. Wirft man in eine Lösung von Glaubersalz oder in Schwefelsäure, welche eben zu kochen aufgehört bat feinen Sand oder Platindraht, so entsteht das heftigste Sieden.

Bei Schwefelsäure muss man sehr vorsichtig sein, weil oft mehr als die Hälfte

¹) Gay-Lussac, Note sur la fixité du degré d'ébullition des liquides, Ann. de chim. et de phys. T. VII. 1817.

²) Gay-Lussac, Extrait d'un mém. sur la déliquescence des corps; Ann. de chim. T. LXXXII. pag. 171. ann 1812.

³) Muncke, Ueber die Fixität des Siedepunktes; Gilberts Annalen, pag. 211. 1817. 11