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nie einen zureichenden Grund angeben können, wesshalb sie nothwendigerweise existiren müsse. Denn ebenso, wie die beschränkten Dinge der Welt zufällig sind und nichts an sich haben, was ihre Existenz nothwendig macht, muss auch der Grund zu der Existenz der Welt, welche die vollständige Zusammenfügung der zufälligen Dinge ist, ausserhalb derselben in der Substanz ge- sucht werden, welche den Grund ihrer Existenz in sich selbst hat und demgemäss nothwendig und ewig ist.*) Diese Ursache muss intelligent sein, denn sie muss unter allen möglichen Wel- ten eine zur Schöpfung auswählen; und indem sie die Ideen aller dieser möglichen Welten in sich trägt, hat sie Verstand; es ist ein Act des Willens, dass sie eine derselben auswählt; sie besitzt Macht, da sie ihren Willen zur Ausführung bringt. Und diese intelligente Ursache muss unbe- grenzt sein in jeder Beziehung und absolut vollkommen in Macht, Weisheit und Güte, weil sie ihre Thätigkeit auf alles Mögliche erstreckt. Und wie Alles mit einander in Verbindung steht, so kann es auch nur eine**) solche Grundursache geben, deren Verstand die Quelle des Wesens aller Dinge und deren Wille der Ursprung ihrer Pxistenz ist: Gott.— Da Leibniz in diesem letzten Beweise von der Zufälligkeit(contingentia) der Welt und der Dinge in der Welt ausgeht und schliesst, dass diese ihren letzten und zureichenden Grund nur in dem nothwendigen Wesen haben könnten, das den Grund seiner Existenz in sich selber hat***), so wird dieser Beweis auch der a contingentia mundi genannt.
Die Leibniz'sche Philosophie wurde weiter ausgebildet von Christian Wolff(1679— 1754). So finden sich denn auch bei ihm zwei Beweise für das Dasein Gottes, welche den Leibniz'schen nahe verwandt sind. Zuerst gründet auch er einen Beweis auf die Lehre von der prästabilirten Harmonie, indem er sagt †): Weil Seele und Leib, von denen ein jedes ohne das andere existiren kann, nicht durch Zufall können zusammenkommen, so kann keine Harmonie zwischen ihnen statt- finden, wenn nicht ein verständiges, von der Seele und von der Welt verschiedenes Wesen existirt, welches Seele und Leib nach seinem Wohlgefallen hervorgebracht hat und beide so lenkt, dass die Wirksamkeit der Seele mit der des Leibes zusammenstimmt. Es folgt daraus, dass ein Ur- heber der Welt und der Natur, also ein Gott, existiren muss.
Weit ausführlicher behandelt er den kosmologischen Beweis, den er wie Leibniz auf den Satz vom zureichenden Grunde stützt. Er argumentirt folgendermassen † †):„Wir sind. Alles, „was ist, hat seinen zureichenden Grund, warum es vielmehr ist, als nicht ist: und also müssen „auch wir einen zureichenden Grund haben, warum wir sind. Haben wir nun einen zureichenden „Grund, warum wir sind, so muss derselbe Grund entweder in uns oder ausser uns anzutreffen „sein. Ist er in uns zu finden, so sind wir nothwendig; ist er aber in einem anderen zu finden, „so muss doch das andere seinen Grund, warum es ist, in sich haben und also nothwendig sein. „Und demnach gibt es ein nothwendiges Ding.“ Um nun aber zu erforschen, ob das nothwen- dige Ding wir selbst sind, oder ob es ein anderes ist, sollen,— so meint, Wolff,— die Eigen- schaften desselben untersucht werden. Es muss zuerst ein selbstständiges Ding sein; denn da es den Grund seiner Existenz in sich hat, so kann es unmöglich nicht existiren; und ferner muss
*) Théodicée. Essais sur la bonté de Dieu etc. Partie I. ed. Erdm. pag. 506 et Partie II. pag. 561. **) Vgl. La monadologie,§. 39— 41, ed. Erdm. pag. 708. ***) La monadologie,§. 45, ed. Erdm. pag. 708. †) Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen über- haupt;(zuerst 1719 oder 1720) 2. Aufl. 1722. 5. Capitel§. 768, pag. 473 und 474.— Vgl.§. 886, pag. 542. †f) Vernünft. Gedanken u. s. w., 6. Capitel: Von Gott,§. 928— 946, pag. 565— 574.


