Aufsatz 
Geschichte der Beweise für das Dasein Gottes von Cartesius bis Kant / Albert Krebs
Entstehung
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Dieser erste Beweger, welcher ein geistiges Wesen sein muss, weil er gerade die bestimmte Grösse, Gestalt und Bewegung für die Dinge ausgewählt hat; weise, weil alles von ihm auf's Schönste geordnet ist; mächtig, weil alles seinem Winke gehorcht: dieser erste Beweger muss der Geist sein, der die ganze Welt regiert, also Gott.

Indem Leibniz auf die in der Welt vorhandene Bewegung einen Beweis für das Dasein Gottes gründet, schliesst er sich an Aristoteles an, der, wie früher bemerkt, denselben Umstand in ähnlicher Weise zur Begründung des göttlichen Daseins benutzt hatte.

Der Ansicht des Philosophen Strato, dass die Welt von einer vernunftlosen Ursache so ge- bildet sei, wie sie ist, widerspricht Leibniz, indem er behauptet*), dass dies nur dann möglich sei, wenn Gott die Materie so vorgebildet hätte, wie es nöthig gewesen wäre, wenn sie nach den blossen Gesetzen der Bewegung eine solche Wirkung hätte hervorbringen sollen. Aber ohne Gott gäbe es nicht einmal einen Grund der Existenz, geschweige denn dieser oder jener bestimmten Existenz der Dinge.

In ähnlicher Weise, wie er die Lehre von der prästabilirten Harmonie benutzt hatte, um, fussend auf der Uebereinstimmung der Beweguug bei den Körpern der Welt, einen Beweis für das Dasein Gottes zu bilden, führt ihn auch die vollständige Uebereinstimmung zwischen Leib und Seele zu demselben Ziele.**) Ihm ist die Seele Monade und der Leib ein Monadencomplex. Da aber beide nach seiner schon früher angeführten Anschauung keinen physischen Einfluss auf- einander ausüben können, sondern jede Monade dem Gesetz ihrer inneren Entwicklung völlig selbst- ständig folgt, so kann nur die göttliche Allmacht eine Uebereinstimmung in der Entwicklung der einzelnen Substanzen hervorbringen. Daher fährt Leibniz fort: Man findet hier einen neuen Be- weis für das Dasein Gottes von überraschender Klarheit, denn diese vollständige Uebereinstim- mung so vieler Substanzen, welche gar keine Wechselbeziehung zu einander haben, kann nur von einer gemeinsamen Ursache herrühren.

Lassen sich die zuletzt besprochenen Leibniz'schen Beweise für das Dasein Gottes teleo- logische oder physico-theologische nennen, da sie auf Gott als denjenigen hinführen wollen, der als Weltordner erscheint, als die Ursache der in der Welt herrschenden Ordnung und Schönheit, indem er den Weltstoff in Bewegung setzt, den einzelnen Dingen Form und Grösse verleiht, die merkwürdige Harmonie zwischen den einzelnen Dingen der Welt wie zwischen Leib und Seele bewirkt: so bleibt noch die kosmologische Beweisform übrig, welche wir ebenfalls bei Leibniz angewendet finden.

Er geht hier von dem Satze des zureichenden Grundes aus und sagt***): Weder in einem Einzelding noch in der Gesammtmasse der Welt kann ein zureichender Grund für die Fxistenz derselben gefunden werden. Nimmt man z. B. an, dass ein Lehrbuch der Geometrie von Ewig- keit her existirte und immer eins von dem andren abgeschrieben wäre, so würde dadureh wohl die Existenz eines gegenwärtig vorliegenden Buches erklärt, aber nicht nachgewiesen, warum denn von jeher solche Bücher existirten, warum Bücher überhaupt und warum so geschriebene. Ebenso verhält es sich mit der Welt. Man könnte wohl eine ewige Welt annehmen, aber man würde

*) Théodicée. 1710: Essais sur la bonté de Dieu, la liberté de Thomme et l'origine du mal. Partie II. ed. Erdm. pag. 562. **) Systéème nouveau de la nature et de la communication des substances etc. 1692, ed. Erdm. pag. 128. **r) De rerum originatione radicali. 1697, ed. Erdm. pag. 147. La Monadologie,§. 36 38, ed. Erdm. pag. 708.