Aufsatz 
Geschichte der Beweise für das Dasein Gottes von Cartesius bis Kant / Albert Krebs
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

So argumentirt er*): Gestalt und Grösse der Körper lässt sich nicht aus der Natur der- selben erklären, und man kann keinen Grund angeben, warum dieser oder jener Körper viereckig und nicht rund, oder drei Fuss statt zwei Fuss lang sei. Hier liesse sich nun zweierlei entgeg- nen, wenn man nicht eine unkörperliche Ursache annehmen will: entweder ist der Körper von Ewigkeit her viereckig, oder er ist durch die Berührung mit einem anderen Körper so geworden. Will man aber sagen, er sei von Ewigkeit her so gestaltet, so ist nicht einzusehen, warum er nicht von Ewigkeit her hätte rund sein können; und wenn man sagt, er sei durch den Anstoss eines andren Körpers so geworden, so bleibt unerklärt, warum er vor der Berührung diese oder jene andre Gestalt gehabt haben müsse. Und so könnte man bis in Ewigkeit weiter fortfragen, ohne zu einem Resultate zu gelangen. Genau ebenso, wie mit Form und Grösse, verhält es sich, wie Leibniz weiter meint, mit der Bewegung eines Körpers. Denn durchaus nicht stich- haltig ist die Ausflucht derer, die den Grund der Bewegung eines Körpers entweder darauf zurück- führen, dass dieselbe von Ewigkeit her vorhanden sei, oder dass ein Anstoss von Seiten eines andren Körpers sie bewirkt habe. Denn wollte man eine Bewegung von Ewigkeit annehmen, so ist nicht einzusehen, warum der Körper nicht lieber von Ewigkeit her sich in Ruhe befindet, da die Zeit, auch die unbegrenzte, nicht als Grund der Bewegung angenommen werden kann. Und wenn man sagen wollte, dass der eine Körper von einem andren durch Anstoss bewegt werde, und dieser wieder von einem anderen u. s. f., so ist dadurch um nichts mehr der Grund der Bewegung für den ersten bewegenden Körper bestimmt. Da nun aber nichts ohne zureichenden Grund geschieht, so muss man auch einen Grund angeben können, warum die Dinge so existiren müssen und nicht anders.**) Da aber die Materie an und für sich indifferent ist gegen Bewe- gung wie gegen Ruhe, so kann in ihr nicht der Grund der Bewegung überhaupt und noch weni- ger dieser oder jener Bewegung zu finden sein. Es muss daher der zureichende Grund, der kei- nes andren Grundes seiner Existenz bedarf, ausserhalb dieser Reihe von zufälligen Dingen sich befinden und zwar in einer Substanz, welche, indem sie den Grund ihrer Existenz in sich selbst trägt, ein nothwendiges Wesen ist. Um nun weiter zu zeigen, dass nur ein solches unkörper- liches Wesen für alle Körper existiren könne, wendet Leibniz die Lehre von der prästabilirten Harmonie an. Nur so lässt sich nach seiner Anschauung die Uebereinstimmung aller Körper in der Bewegung und besonders die Thatsache erklären, dass auch die Körper untereinander sich in Bewegung setzen. Denn***) da keine Monade einen Einfluss auf die andre auszuüben vermag, so ist es offenbar, dass das Zusammenstimmen so vieler untereinander nur von einer gemein- samen Ursache herrühren kann, von der sie alle abhängen, und welche eine unbegrenzte Macht und Weisheit besitzen muss, um alle diese Uebereinstimmungen vorherzubestimmen. Es wird hier, fährt er fort, das grosse Princip der Physik festgehalten: corpus non moveri nisi impulsum a corpore contiguo et moto. Dieses allgemeine Princip führt uns sicher und klar zu demersten allgemeinen Beweger, von welchem die Reihe und die Uebereinstimmung der Bewegungen kommt.

*) Confessio naturae contra atheistas, 1668. ed. Erdm. pag. 74. Dissertatio de arte combinatoria cum appendice, 1666. ed. Erdm. pag. 7.

**) Principes de la nature et de la grace fondés en raison,§. 7 et S. ed. Erdm. pag. 716. Recueil de lettres entre Leibniz et Clarke sur Dieu, l'ame, l'espace, la durée, etc. 1715 1716. IV écrit de Mr. Leibniz§. 126. ed. Erdm. pag. 778.

***) Nouveaux essais sur'entendement humain, ed. Erdm. pag. 376. Considérations sur le principe de vie et sur les natures plastiques, 1705, ed. Erdm. pag. 430.