Aufsatz 
Geschichte der Beweise für das Dasein Gottes von Cartesius bis Kant / Albert Krebs
Entstehung
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wenn dies geschehen sei, könne man auf die Wirklichkeit derselben schliessen.*) Daher suchte er denn auch diesen Mangel des Cartesianischen Beweises zu beseitigen. Man könnte, sagt er**), einen viel einfacheren Beweis bilden, wenn man nicht von den Vollkommenheiten Gottes redete, um den Einwurf derer zu vermeiden, welche die Vereinbarkeit aller Vollkommenheiten mit ein- ander läugnen. Wenn man nämlich nur sagte, dass Gott ein Wesen sei, das den Grund seiner Existenz in sich selbst, in seinem Wesen habe, so sei es leicht zu schliessen, dass ein solches Wesen, wenn es möglich sei, wirklich existire; oder vielmehr, dieser Schluss sei eine Folge, die sich unmittelbar aus der Definition ziehen lasse. Denn nur das Wesen der Sache mache die Mög- lichkeit derselben im Besonderen aus, und es sei einleuchtend, dassexistiren durch sein Wesen undexistiren durch seine Möglichkeit dasselbe sei. Und wenn man das Wesen, das den Grund seiner Existenz in sich selber hat, noch genauer bestimmen wollte als das Wesen, welches exi- stiren müsse, weil es möglich sei, so leuchte es ein, dass Alles, was man gegen die Existenz eines solchen Wesens sagen könnte, Bestreitung seiner Möglichkeit sein würde. Auch könnte man statt des BegriffsWesen, das den Grund seiner Existenz in sich hat, das durch sich selbst existirt, den Begriff eines nothwendigen Wesens einsetzen und sagen: wenn das nothwendige Wesen möglich ist, so existirt es auch. Von hieraus lasse sich nun die Lücke in der Cartesia- nischen Demonstration ausfüllen. Denn wenn das Wesen, das den Grund seiner Existenz in sich selber hat, unmöglich sei, so seien es auch alle Wesen, die den Grund ihrer Existenz nicht in sich selbst, sondern in einem andren hätten, da sie im letzten Grunde aus dem Wesen hervorge- gangen seien, das den Grund seiner Existenz in sich selbst hat: folglich könnte dann nichts exi- stiren; oder mit andren Worten: wenn das nothwendige Wesen nicht existirte, so gäbe es über- haupt nichts Mögliches und ebensowenig etwas Wirkliches. Wenn es daher, argumentirt er weiter***), eine Realität gibt, so muss sie sich gründen auf ein nothwendiges Sein, in welchem das Wesen die Existenz mit einschliesst, oder in welchem es genügt, möglich zu sein, um wirk- lich zu existiren. So hat Gott oder das nothwendige Wesen allein das Privilegium, dass es noth- wendig existiren muss, wenn es möglich ist. Und wie nichts die Möglichkeit dessen hindern kann, das keine Grenzen, keine Negation und folglich auch keinen Widerspruch enthält, so ge- nügt dies allein, um die Existenz Gottes a priori nachzuweisen.

Gegen den andren Cartesianischen Beweis, der das Dasein Gottes daraus herleiten will, dass die Gottesidee dem Menschen angeboren sei, bemerkt er), dass erstens auch hier zuvor die Mög- lichkeit der Idee nachgewiesen sein müsste, dann aber auch nicht hinlänglich festgestellt sei, ob die im Menschen vorhandne Gottesidee nothwendigerweise von dem Original derselben, von Gott, herstamme.

Seine übrigen Beweise für das Dasein Gottes gründet Leibniz theils auf seine Lehre von der prästabilirten Harmonie, theils auf den Satz vom zureichenden Grunde.

*) Epistola ad Hermannum Conringium de Cartesiana demonstratione existentiae Dei, 1678, ed. Erdm. pag. 78. Meditationes de cognitione, veritate et ideis, 1684, ed. Erdm. pag. 80 81. Responsio Leibnitii ad epi- stolam III. Bierlingii ad Leibnitium, 1710, in der Ausgabe der Werke des Leibniz von Dutens 1768, Tom. V. pag. 361 362. **) De la démonstration Cartésienne de l'existence de Dieu du R. P. Lami, 1701, ed. Erdm. pag. 177 178. ***) La monadologie. 1714.§. 43 45, ed. Erdm. pag. 708. ) Nouveaux essais sur l'intendement humain. 1703, Liv. IV. chap. X, ed. Erdm. p. 375.