Aufsatz 
Geschichte der Beweise für das Dasein Gottes von Cartesius bis Kant / Albert Krebs
Entstehung
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John Locke(1632 1704) musste, wenn er überhaupt einen Beweis für Gottes Dasem aufstellen wollte, einen andren Weg einschlagen, als die beiden vorigen es gethan hatten, da sein erster Grundsatz die Läugnung angeborener Ideen ist. Er behauptet*) demnach auch folgerich- tig, dass Gott dem Menschen keine angeborene Gottesidee, wodurch wir gewissermassen seine Existenz in unseren Seelen lesen könnten, gegeben habe. Nichtsdestoweniger aber entbehrten wir doch nicht sicherer Beweise für seine Existenz. Und nun sucht er Gottes Dasein kosmologisch zu begründen. Indem der Mensch klar und sicher weiss, dass er existirt, weiss er auch, dass irgend etwas thatsächlich existirt. Da er nun weiter weiss, dass das blosse Nichts nicht im Stande ist, etwas Reales hervorzubringen, so ist, wie er meint, mit mathematischer Sicherheit zu schliessen, dass etwas von Ewigkeit her existirt hat, indem Alles, was nicht von Ewigkeit her existirt, einen Anfang hat und das, was einen Anfang hat, von einem andren Dinge hervorge- bracht sein muss. Da nun jedes Ding, das seine Existenz und seinen Anfang von einem andren herleitet, auch alle seine Fähigkeiten auf diese Quelle zurückführt, so muss das Wesen, welches die Quelle aller Wesen ist, auch die Quelle aller ihrer Fähigkeiten, ihrer ganzen Macht, es muss selbst allmächtig sein. Und da der Mensch Verstand und Erkenntnissvermögen in sich vorfindet, so muss es auch intelligent sein. Denn wenn es einmal eine Zeit gegeben haben sollte, wo kein intelligentes Wesen existirt hätte, so wäre es unmöglich, dass jemals Verstand existiren könnte. Es muss demnach ein ewiges Wesen geben von sehr grosser Macht und sehr grosser Intelligenz, welches man mit dem Namen Gottes bezeichnen kann, und wir haben eine grössere Gewissheit von der Existenz Gottes als von irgend einer andren Sache, welche unsre Sinne uns unmittelbar geoffenbart haben. Die Materie kann dieses ewige Wesen nicht sein, da sie nicht denkend ist, und da in Folge dessen, wenn die Materie das ewige Wesen wäre, niemals der Gedanke hätte erzeugt werden können. Aber auch das lässt sich nicht annehmen, dass etwa eine denkende Ma- terie das ewige Wesen sei, da die Materie kein einheitliches Ganze ist. Eine denkende Materie würde demnach nicht ein einziges, ewiges, unendliches und denkendes Wesen sein, sondern eine unendliche Zahl ewiger, endlicher, denkender Wesen, welche unabhängig von einander, deren Kräfte beschränkt wären, und welche darum niemals die in der Natur vorhandne Ordnung, Har- monie und Schönheit hätte hervorbringen können. Demnach kann das ewige Wesen nicht die Materie, sondern es muss geistig und immateriell sein.

Auch Gottfried Wilhelm von Leibniz(1646 1716), der Begründer der während des 18. Jahrhunderts bis auf Kant in Deutschland herrschenden Philosophie, hat mehrfache Versuche angestellt, das Dasein Gottes zu erweisen. Zuerst glaubte er an dem ontologischen Argumente in Cartesianischer Form festhalten zu können; daher finden wir pei ihm eine fast wörtliche Wie- derholung desselben**), indem er sagt, Gottes Dasein lasse sich daraus herleiten, dass die Existenz nothwendigerweise zum Begriff Gottes als des im höchsten Grade vollkommenen Wesens gehõre, so dass es ebenso ungereimt sei, Gott ohne Existenz, d. h. ohne eine Vollkommenheit, wie einen Berg ohne Thal zu denken. Später aber erkannte er dieses Argument nicht mehr als beweis- kräftig an, da vor Allem die Möglichkeit der Existenz Gottes nachgewiesen werden müsse: erst

*) Locke, Versuch über den menschlichen Verstand(zuerst englisch 1690), unter Mitwirkung des Verfas- sers ins Französische übersetzt voön M. Coste, Amsterd. 1700. Liv. IV. chap. X. 3. Aufl. 1735. pag. 512 523.

**) Leibn., de beata vita, pag. 74 in der Ausgabe der philosophischen Werke des Leibniz von Joh. Edu. Erdmann. Berlin 1840.