Aufsatz 
Geschichte der Beweise für das Dasein Gottes von Cartesius bis Kant / Albert Krebs
Entstehung
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ein Thal existire, sondern nur, dass Berg und Thal, mögen sie existiren oder nicht, doch nie- mals von einander getrennt werden können. Und ebenso folgt daraus, dass ich Gott nur als existirend denken kann, die Wahrheit, dass die Existenz von Gott untrennbar ist, und dass er demgemäss in Wahrheit existirt; nicht als ob mein Denken das bewirkte, sondern im Gegentheil, weil die Nothwendigkeit der Existenz Gottes mich dazu drängt, so zu denken, sodass es mir durchaus nicht freisteht, Gott ohne Existenz, d. h. das im höchsten Grade vollkommene Wesen ohne höchste Vollkommenheit, zu denken.

Dieser ontologische Beweis stimmt in den meisten Punkten mit dem des Anselm von Canter- bury überein, doch wird ein Unterschied schon von Cartesius selbst hervorgehoben, der aber jeden- falls nicht so bedeutend ist, wie derselbe meint. Während nämlich Anselm von dem Gedanken ausgeht, dass Gott als das vollkommenste Wesen gedacht werden müsse, und desshalb nur hätte schliessen können, dass derselbe aus den bekannten Gründen als wirklich existirend zu denken sei, nicht aber, dass er wirklich existire, so geht Cartesius von dem Satze aus, dass das, was man klar und deutlich als zum Wesen eines Dings gehörig erkannt habe, auch von demselben prädicirt werden dürfe, so dass er glaubt, aus diesem Grunde auf die wirkliche Existenz Gottes mit weit grösserem Rechte als Anselm schliessen zu können. Doch darf nicht übergangen werden, dass auch Cartesius von vorn herein einen grossen logischen Fehler begeht, indem er seinen Beweis auf den genannten Satz stützt, dessen Wahrheit er unmittelbar vorher(Med. IV) dadurch begründet hatte, dass Gott den Menschen nicht täuschen könne. Es ist also ein offenbarer Cirkelschluss, da, um zu beweisen, dass Gott existire, die Existenz Gottes als erwiesene Thatsache vorausgesetzt wird.

An Cartesius und seine Philosophie schliesst sich zunächst Baruch Spinoza(1632 1677) an. Allein er setzt an die Stelle des persönlichen Gottes, den jener anerkannt hatte, einen un- persönlichen, so dass sein Gottesbegriff ein pantheistischer ist. Gleichwohl finden wir bei ihm mehrere Beweise für das Dasein Gottes, in denen er fast ausschliesslich an Cartesius sich anlehnt. Er sagt*), dass das Dasein Gottes sich a priori und a posteriori beweisen lasse. Um es a priori zu beweisen, gebe es zwei Wege. Zuerst geht er mit Cartesius von dem Satze aus, dass das, was man klar und deutlich als zur Natur einer Sache gehörig erkenne, mit Wahrheit von der- selben behauptet werden dürfe. Da nun klar und deutlich zu erkennen sei, dass die Existenz zur Natur Gottes gehöre, so könne man mit Wahrheit behaupten, dass Gott existire. Unter Gott nämlich versteht er**) das absolut unendliche Wesen, d. h. die aus unendlichen Attributen be- stehende Substanz. Zur Natur der Substanz gehört aber die Existenz desshalb, weil die Substanz nicht von einem andren hervorgebracht werden kann, mithin Ursache ihrer selbst ist, so dass sie demnach nur als existirend zu denken ist. Einen zweiten Beweis a priori sucht Spinoza folgendermassen zu führen: Die Wesenheiten der Dinge sind von Ewigkeit und werden in alle Ewigkeit unveränderlich bleiben. Da nun die Existenz Gottes Wesenheit ist, so muss er von Ewigkeit und in alle Ewigkeit existiren. A posteriori endlich leitet Spinoza ebenfalls in Ueber- einstimmung mit Cartesius einen Beweis für das Dasein Gottes aus der Thatsache her, dass der Mensch eine Idee von Gott habe, und dass diese Idee, da sie nicht auf einer Erdichtung des Menschen selbst beruhen könne, eine äussere Ursache ihres Vorhandenseins haben müsse, und diese könne nur Gott selbst sein.

*) Spinoza, Tractatus de Deo et homine eiusque felicitate, übersetzt von Sigwart 1870. Theil I, pag. 5 11.

**) Vergl. Ethica, Pars I, Def. I, VI. und Prop. VII.