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mir die Vollkommenheiten geben konnte, die ich besitze, mir auch alle übrigen, die ich nicht besitze, geben können, ich könnte also ebensogut unendlich, ewig u. s. w., d. h. Gott sein. Denn es könnte doch nicht schwieriger sein, das zu erwerben, was mir noch an der absoluten Vollkom- menheit fehlt, als das, was ich schon besitze. Und sicherlich würde ich es mir nicht versagt haben. Ferner weiss ich auch, dass ich nicht im Stande bin, mich in meinem jetzigen Zustande auch in der nächsten Zukunft zu erhalten, wozu ich doch im Stande sein müsste, wenn ich von mir selber herrührte, da zur Erhaltung dieselbe Kraft und Thätigkeit gehört wie zur Neuschöpfung. Von mir selbst kann ich demnach nicht sein: ich muss den Grund meiner Pxistenz in einem andren, von mir verschiedenen Wesen haben.— Dieses können aber weder meine Eltern noch andre Ursachen sein, die weniger vollkommen sind als Gott. Denn da ich die Idee Gottes als meines Urbebers in mir habe, so muss das Wesen, welches die Ursache meiner Existenz ist, ein ebensolches Wesen sein, und es wäre weiter zu fragen, ob es von sich selbst oder durch ein andres Wesen existire. Wäre das erstere der Fall, so müsste es nach dem früher Erörterten Gott sein, fünde das letztere statt, so würde die Frage nur immer weiter hinausgeschoben, so dass man, da der Prozess sich doch nicht in's Unendliche fortsetzen lässt, schliesslich zu einer letzten Ur- sache kommen müsste, welche Gott wäre.— Auch könnten nicht mehrere Ursachen zusammen- gewirkt haben, von denen eine mir die Idee dieser, die andere die Idee jener Vollkommenheit Gottes gegeben hätte, denn die Idee der Einheit, Einfachheit und Untrennbarkeit alles dessen, was in Gott ist, kann mir doch sicherlich nicht von einem Wesen gegeben sein, das nicht alle Vollkommenheiten Gottes kennt.— Von den Pltern endlich kann meine Pxistenz auch schon darum nicht herrühren, weil sie mich nicht zu erhalten vermögen, und weil sie jedenfalls nicht die Ursache meiner Existenz als eines denkenden Wesens sind.— Somit folgt aus meiner Existenz und der Thatsache, dass ich die Idee Gottes als des allervollkommensten Wesens in mir habe, der Satz, dass Gott existirt.
Ausser den beiden bisher erwähnten Beweisen, die sich auf die Erfahrung gründen sollen, versucht Cartesius noch einen dritten*), in welchem er rein ontologisch aus dem Begriffe Gottes dessen nothwendige Existenz herleiten will.
Von dem Satze ausgehend: Was ich klar und deutlich einsehe, muss nothwendig wahr sein, schliesst er, dass, was ich klar und deutlich als einem Dinge zugehörig erkenne, ihm auch wirk-9 lich zugehört. Nun finde ich in mir die Gottesidee mit voller Sicherheit vor, und ebenso klar und deutlich erkenne ich, dass zum Wesen Gottes die ewige Existenz nothwendig gehört: folg- lich muss Gott nothwendig existiren.— Aber, fügt Cartesius hinzu, dieser Schluss könnte auf den ersten Blick etwas sophistisch scheinen. Jedoch bei näherer Erwägung zeigt es sich, dass es ebenso ungereimt ist, Gott, d. h. das im höchsten Grade vollkommene Wesen, als nicht exi- stirend, d. h. so, dass ihm eine Vollkommenheit fehle, zu denken, wie es unmoglich ist, einen Berg ohne Thal oder ein Dreieck, dessen Winkel nicht zusammen zwei Rechte betragen, zu denken. — Da mun freilich aus dem Satze, dass ein Berg niemals ohne Thal gedacht werden kann, kei- neswegs folgt, dass irgend ein Berg in der Welt existirt, so sollte man meinen, dass Gott eben- sowenig nothwendigerweise existiren müsse, wenngleich man ihn nur als existirend denken kann. Aber hierin steckt ein Trugschluss, wie Cartesius meint. Denn daraus, dass man einen Berg nur in Verbindung mit einem Thale denken kann, folgt zwar nicht, dass irgendwo ein Berg und
*) Dissert. de meth. pag. 23.— Medit. V. pag. 32& 33.— Princip. philos. Cap. XIV. pag. 4.
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