Ihre ganze Seele stickte Sie hinein, und Liebesträne Hat gefeit das seidne Bildwerk, Welches darstellt jene Scene:
Wie die Gräfin den Rudel Sterbend sah am Strande liegen, Und das Urbild ihrer Sehnsucht Gleich erkannt' in seinen Zügen.
Auch Rudel hat hier zum ersten- Und zum letztenmal erblicket In der Wirklichkeit die Dame, Die ihn oft im Traum entzücket.
Über ihn beugt sich die Gräfin, Hält ihn liebevoll umschlungen, Küsst den todesbleichen Mund, Der so schön ihr Lob gesungen!
Ach! der Kuss des Willkommswurde Auch zugleich der Kuss des Scheidens, Und so leerten sie den Kelch Höchster Lust und tiefsten Leidens.
In dem Schlosse Blay allnächtlich Gibt's ein Rauschen, Knistern, Beben, Die Figuren der Tapete Fangen plötzlich an zu leben.
Troubadour und Dame schütteln Die verschlafnen Schattenglieder, Treten aus der Wand und wandeln Durch die Säle auf und nieder.
Trautes Flüstern, sanftes Tändeln, Wehmutsüsse Heimlichkeiten, Und posthume Galantrie Aus des Minnesanges Zeiten.
„Geoffroy! Mein totes Herz Wird erwärmt von deiner Stimme, In den längst erloschnen Kohlen Fühl' ich wieder ein Geglimme!“
„Melisande! Glück und Blume! Wenn ich dir ins Auge sehe, Leb' ich auf— gestorben ist Nur mein Erdenleid und-Wehe.“
„Gecffrey! Wir liebten uns Einst im Traume, und jetzunder Lieben wir uns gar im Tode— Gott Amur tat dieses Wunder!“
„Melisende! Was ist Traum? Was ist Tod? Nur eitel Töne. In der Liebe nur ist Wahrheit, Und cich lieb' ich, ewig Schöne.“
„Geoffrey! Wie traulich ist es Hier im stillen Mondscheinsaale, Möchte nicht mehr draussen wandeln In des Tages Sonnenstrahle.“
„Melisande! teure Närrin, Du bist selber Licht und Sonne! Wo du wandelst, blüht der Frühling, Sprossen Lieb' und Maienwonne!“
Also kosen, also wandeln Jene zärtlichen Gespenster Auf und ab, derweil das Mondlicht Lauschet durch die Bogenfenster.
Doch den holden Spuk vertreibend Kommt am End' die Morgenröte— Jene huschen scheu zurück In die Wand, in die Tapete.
Die„posthume Galantrie“ der Tapetengespenster— und über dem Ganzen doch der Hauch echter Romantik; eine Art Sehnsucht nach Liebe von so unirdischer Art(Str. 13)— und dann wieder der ernüchternde Spott: das ist die Mischung, aus der eben nur Heine etwas aus einem Guss zu zaubern vermag.
Sollte es möglich sein, demselben Stoff noch andere Seiten — eine ganz andre Seite— abzugewinnen? Dass es möglich


