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Ein junger Edelmann, Ferdinand, findet bei einem Spaziergang im Grase das kostbar gerahmte Miniaturbild einer Dame, das einem Ritter ent- fallen ist, und entbrennt in leidenschaftlicher Liebe zu der dargestellten Schönen. Als ihn ein Freund, Leopold, auf das Wahnwitzige einer solchen Liebe hinweist, fragt er ihn: ¹)
„Hast Du nie die wunderbare Geschichte von Gottfried Rudell gehört?“
„Nein“, sagte Leopold verwirrt.—„So will ich sie Dir erzählen“, sprach der Liebende;„denn sie bestätigt mein Gefühl, das Dir so einzig und widersinnig erscheint.«.... AlSO.... fing der schwůͤrmende Ferdinand
seinem vernünftigen Freunde Leopold mit diesen Worten die Geschichte des Gottfried Rudell zu erzählen an:
„Dieser Rudell, mein teurer Freund, war einer von den Dichtern in der Provence, in jener schönen Zeit, als die Welt durch Lieder und süsse Sprache, die Menschen durch Sehnsucht, die Länder durch Ritterschaft, und der Orient mit Europa durch die heiligen Kriege verbunden waren. Dieser Sänger Gottfrie¹l, aus adeligem Geschlecht, machte sich durch seine lieblichen Weisen so berühmt, dass ihm Herren und Grafen gewogen waren, und ein grosser Fürst sich um seine Freundschaft bewarb und ihn niemals von seiner Seite lassen wollte. Da fügte es sich, dass Pilger, die aus dem heiligen Land zurückkehrten, ihm unter den Wundern der fremden Länder auch die Gräfin von Tripolis nannten, und ihm ihre hohe Tugend, ihre Schönheit und ihren Reiz beschrieben. Er sah andere Reisende, die aus der Gegend zurückwanderten, und wieder fragte er, und wieder rühmten sie entzückt, die überirdische Schönheit des Frauenbildes. Seine Imagination ward von diesen Schilderungen so ergriffen, dass er begeistert das Lob der Dame in die Töne seiner Laute sang. Ein Freund sagts einmal scherzend, indem er seinen Gesang bewunderte:„Du bist entzückt, Dichter; kannst Du denn so über Meere hinüber vielleicht lieben, ohne den Gegenstand Deiner Leidenschaft zu kennen, oder je mit irdischen Augen gesehen zu haben?“„Wie, wenn sie mir nun selbst im Gemüte, in meinem Innern wohnt, besitze ich sie dann nicht näher, als jeder andere Sterbliche?“ ant- wortete der Sänger mit einer anderen Scherzrede.„Glaubt mir, Freunde“, fuhr er fort,„von ühnlichen seltsamen Erscheinungen könnte ich Euch Wunder erzählen.“—————————————
„Nur zu bald wurde ernste Wahrheit aus diesen Reden. Eine un- begreifliche Sehnsucht nach dem fernen, niegesehenen Wesen fasste und durchströmte die Brust des Dichters; wie alle Quellen zu den Strömen, wie alle Ströme zum Meere unaufhaltsam fluten, so zogen alle Kräfte seiner Seele nur ihr, der Einzigen, Ungekannten zu. Er konnte nicht mehr zurück- bleiben, er musste die weite Reise unternehmen. Seine Freunde baten, der Fürst, sein Beschützer, beschwur ihn, aber umsonst; wollten sie ihn nicht sterben sehen, so mussten sie ihn gewähren lassen. Er stieg zu Schiffe.
¹) Damit beginnt S. 145 die Episode, die Tieck später eingefügt hat, und die in der Minor'schen Ausgabe(der allein allgemeiner zugänglichen) nicht zu finden ist.


