Daß er zuerst der Poesie die Astrologie zugeführt hat, erfüllt ihn mit gerechtem Stolze(II 57): ¹6)
Nostra loquor, nulli vatum debebimus ora,
nec furtum, sed opus veniet, soloque volamus
In caelum curru, propria rate pellimus undas. Eignes künd' ich; es braucht kein Sänger mir Worte zu leihen, Nicht Erborgtes erscheint, nur eignes Schaffen; zum Himmel Schwing ich allein mich hinauf, ich treibe im eigenen Kahne.
(Schanz).
Mit fortschreitender Ubung wird er in der Handhabung der Verskunst immer ge- wandter. Die früheren Dichter und die Zeitgenossen hat er fleißig benutzt und sich an ihnen geschult; besonders haben ihn Lukrez., Vergil, Ovid, Catull, Tibull, Properz und Horaz beeinflutt. Einzelne Züge und die Haltung ¹⁷) ganzer Stellen sind echt vergilisch. Auch die epische Technik dieses Dichters hat sichtlich Spuren bei ihm hinterlassen. Manche Stellen schillern im Schmelze ovidischer Farbenpracht. Glänzende Prooemien, die die einzelnen Bücher einleiten, ziehen den Leser an; bisweilen wird der Sänger warm und beredt, besonders da, wo er von dem Werte des Menschen und seiner Vernunft spricht, z. B. II 106, IV 883, V 479 oder IV 197.
In Metrik und Prosodie ist unser Dichter sorgfältig und sauber und läßt, wie bereits betont, gewissenhaftes Studium seiner Vorgänger erkennen. ¹⁸)
Daher ist es nicht zu verwundern, daß er auch andere Dichter bpeeinflußt hat. Freilich ist er von keinem alten Schriftsteller mit Namen genannt; aber Spuren der Lektüre des Manilius hat man verschiedentlich gefunden, bei Lucan, Juvenal, Nemesians, Dracontius, und Claudian. Auch in der Ciris und in dem Gedichte Aetna finden sich Aehnlichkeiten. desgleichen bei Germanicus. Die Benutzung durch Prosaschriftsteller ist für unsern Zweck nicht von Belang. In spaäterer Zeit hat der Dichter gleichfalls Freunde gefunden. Forschern wie Scaliger und Bentley verdanken wir Ausgaben seines astrologischen Lehr- gebäudes. Opitz in seinem Buche von der deutschen Poeterei(hsg. v. Braune, Halle 1878) er- wähnt ihn im 3. Kapitel. Der Verfasser des verlorenen Paradieses nennt ihn in seiner Schrift„Of education“(On Master Samuel Hartlieb), indem er sagt: Dies wird ihnen(den Zöglingen) einen so echten Geschmack für naturwissenschaftliche Kenntnisse beibringen, daß sie dieselben niemals vergessen, sondern mit Vergnügen täglich vermehren. Dann werden auch jene Dichter, die jetzt zu den schwersten gerechnet werden, leicht und angenehm sein: Orpheus, Hesiod, Theokrit, Aratus, Nicander, Appian, Dionysios und unter den Lateinern Lucretius, Manilius und die ländlichen Partien im Vergil. Auch Goethe war offenbar mit Manilius vertraut. Schrieb er doch 1784, den 4. September, in das Fremdenbuch auf dem Brocken die Verse(Man. II 115, 116):
Quis caelum posset nisi caeli munere nosse Et reperire Deum nisi qui pars ipse deorum est. ¹⁵)
Daß in der Darstellung des Manilius nichts auf ausländischen Ursprung hinweist, hat besonders Woltjer(S. 28— 40) überzeugend(gegen Jacob) nachgewiesen, und auch in der neuesten Auflage von Teuffels römischer Literaturgeschichte ist in dieser Beziehung das Richtige getroffen.
Einige Proben aus Manilius seien hier mitgeteilt. Von der hochgepriesenen Stelle V 540²0) der schmuckreichen Episode, die den Mythos der Andromeda darstellt, wo der Dichter glän- zend bewiesen hat, was er bei einem weniger spröden Stoff zu leisten vermag, und daß er Ovid nicht nachsteht(vgl. Metam. IV 670 ff.), einem üppigen Schaustück der empfindsamen und prunkhaften Deklamation, in dem er, wie Bernhardy sagt, mit Gemälden beim Tragiker Seneca wetteifert, muss ich aus Raummangel leider absehen. Das Urteil über diese Glanz- stelle(von Barth Adversar I. 8, c. 8 bis zu den Literaturgeschichten der Gegenwart) ist einstimmig.—


