— 6—
Dieſe Formen befaſſen ſich entweder mit der einzelnen Erſcheinung, oder ſie haben die Gewinnung allgemeiner Reſultate aus beſonderen und das Umgekehrte zum Gegenſtand. Wenn ſie ſich auf die einzelne Erſcheinung beziehen, bethätigt ſich das Denken entweder analytiſch, wenn es eine complexe Vorſtellung in ſeine Beſtandteile auflöſt, was bei der Beſchreibung und Erklärung der Fall iſt, oder es iſt ſynthetiſch, wenn es aus gewiſſen Beſtandteilen eine complexe Vorſtellung zuſammenſetzt, was bei der Beſtätigung der Vermutung und der Conſtruktion von Apparaten vorkommt.
Analyſe der Erſcheinungen.
Die Veranlaſſung für die phyſikaliſche Unterſuchung bildeten gewiſſe Erſcheinungen, die ſich in der Natur der Beobachtung darboten. Je nach dem Sinnesorgan, welches die Beobachtung vermittelte, gliederten ſich die Erſcheinungen in Bewegungserſcheinungen, in Erſcheinungen des Lichtes, der Wärme und des Schalls. Indeſſen wird der Geſichtsſinn auch bei den Beobachtungen, die den übrigen Sinnesgebieten angehören, fortwährend hinzugezogen. Dieſe Erſcheinungen ſind immer zuſammengeſetzter Art, und die erſte Aufgabe der Unterſuchung beſtand daher darin, die complexen Erſcheinungen in ihre einfachen Beſtandteile zu zerlegen. Es handelt ſich dabei einmal um die Zerlegung der Erſcheiuung in ihre Teilerſcheinungen, wie dieſelben neben⸗ und nacheinander auftreten. Dieſes Verfahren iſt der Gegenſtand der Beſchreibung oder der Elementaranalyſe. Es bleibt hierbei vorerſt noch außer acht, in welchen gegenſeitigen Beziehungen die einzelnen Teilerſcheinungen zu einander ſtehen. Bei den phyſikaliſchen Erſcheinungen zeigt ſich aber in vielen Fällen fofort die Möglichkeit einer cauſalen Erklärung, indem die Teilerſcheinungen in eine urſäch⸗ liche Beziehung zu einander geſetzt werden können. Die zweite Stufe der Analyſe beſteht alſo in der Erkenntnis der Beſtandteile als ſolcher, die durch ihr cauſales Zuſammenwirken die Erſcheinung hervor⸗ rufen und iſt der Gegenſtand der Cauſalanalyſe oder der Erklärung. Aber gerade bei phyſitkaliſchen Unter⸗ ſuchungen ſind dieſe beiden Stufen vielfach nicht ſcharf geſondert, weil bei der Elementaranalyſe ſich die cauſalen Beziehungen gewöhnlich ſofort aufdrängen. Mit der Feſtſtellung z. B., daß nach dem Er⸗ wärmen eines Körpers eine Ausdehnung deſſelben ſtattgefunden hat, ſind auch dieſe beiden Teilerſchei⸗ nungen ſofort in cauſale Verbindung geſetzt. Bei der Cauſalanalyſe ſind indeſſeu in vielen Fällen nicht alle Glieder der Cauſalreihe der Beobachtung gegeben, dann kommt es darauf an, durch Vermu⸗ tungen die fehlenden Glieder zu ergänzen. An den folgenden Beiſpielen ſoll dieſer allgemeine Verlauf der Analyſe näher erläutert werden.
Eine optiſche Erſcheinung, die ſchon frühzeitig das Denken beſchäftigte, waren die Bilder in ebenen Spiegeln, wie ſie ſich in der Natur an jeder ruhenden Waſſerfläche der Beobachtung darboten. Die Beſchreibung dieſer Erſcheinung ergab das Vorhandenſein einer hinreichend glatten Fläche und die ſymme⸗ triſche Lage entſprechender Punkte von Gegenſtand und Spiegelbild gegen die ſpiegelnde Fläche. Ferner erſcheinen im Spiegelbild auch Gegenſtände, die hinter dem Beobachter ſtehen, die alſo unmittelbar nicht geſehen werden. Die Hervorhebung dieſer Thatſache war weſentlich, weil damit die Erklärung des Epikur, als veranlaßten die Spiegel eine falſche Projektion des Geſehenen, etwa nach Art der Doppelbilder, beſeitigt wurde. Man mußte daher zu der Anſicht kommen, daß es ſich um ein objektives Phänomen handele und vermutete, daß ein Zurückprallen des Lichtes an dem Spiegel die Urſache der Erſcheinung ſei. Mit dieſer Vermutung wurde jetzt die cauſale Erkläung verſucht und zwar zunächſt in vereinfachter Weiſe für einen einzelnen Punkt, indem man ſich jeden beliebigen Gegenſtand als aus Punkten zuſammengeſetzt vorſtellte. Durch die Vorausſetzung, von dem einzelnen Punkte gehe nach allen Richtungen Licht aus, welches an dem Spiegel ſo abprallt, als käme es von dem ſymmetriſch gelegenen Punkte her, kam dann die Erklärung zu ſtande. Hierbei werden zwei Vorausſetzungen gemacht, die nachträglich noch als Thatſachen ſicher zu


