Aufsatz 
Bemerkungen über den fremdsprachlichen Unterricht im Realgymnasium / von Kortegarn
Entstehung
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und die hohe Schätzung, welche dem Werte einer ſoliden formalen Bildung zu Teil wird, hat zur vornehmlichen Pflege dieſer Seite des Sprachunterrichtes geführt, worüber die materiale Seite mehr und mehr zurückgetreten iſt. Der Form zu Liebe opfert man den Inhalt. Das zeigt deutlich die Anlage unſerer Grammatiken mit ihrer Unmaſſe von Paradigmen, Regeln und Aus⸗ nahmen, der Übungsbücher mit ihren häufig ganz inhaltloſen und zur Mißhandlung unſerer deutſchen Mutterſprache nötigenden Übungsbeiſpielen, mit den den grammatiſchen Paragraphen zu Liebe aber ſonſt ganz unmethodiſch eingerichteten Vocabularien, das zeigt ſelbſt die Anlage mancher Ausgaben von Schulſchriftſtellern. Der Unterricht wird nicht ſelten zu einer ununter⸗ brochenen Einübung grammatiſcher Penſa, der Satz zu einem Examinatorium über alle möglichen Regeln; ſelbſt für den Sextaner, der eben erſt anfängt, das Deutſche ohne grobe Fehler zu ſchreiben, wird der Schwerpunkt der Leiſtungen in die ſchriftlichen Überſetzungen aus dem Deutſchen ins Lateiniſche verlegt, eine Anforderung, die neun- und zehnjährigen Knaben gemeiniglich eine über⸗ mäßige Schwierigkeit bereitet und ſie zu allerhand unpädagogiſcher Hülfe und Unſelbſtändigkeit im Arbeiten führen muß; die ſchriftlichen Arbeiten der mittleren und oberen Klaſſen, ſtatt natürlich aus dem Unterricht heraus zu wachſen, geſtalten ſich in Folge eines einſeitigen Betonens der formalen Seite häufig mehr zu einem wahren Arſenal von Schwierigkeiten ſelbſt für den tüchtigſten Schüler, als zu Übungen, durch welche alle, auch die Schwachen, Stärkung finden; die Schrift⸗ ſteller werden nicht ſelten als grammatiſche Beiſpielſammlungen angeſehen, ſo daß die Lektüre zu einer Suche nach Spitzfindigkeiten in Etymologie und Syntax herabzuſinken droht. Ganz gewiß iſt der hohe Wert, den die formale Bildung auf die Entwickelung des ganzen geiſtigen Vermögens der Jugend, auf ihren Charakter und Willen ausübt, nicht zu unterſchätzen, aber ſie darf die andere nicht minder wichtige Seite des ſprachlichen Studiums nicht überwuchern. Wo über der Form der Inhalt mißachtet wird, kann kein inneres Intereſſe bei den Schülern für den Unterrichtsſtoff erzeugt werden; es entſteht Unluſt zur Arbeit, erſt Gleichgültigkeit in den unteren Klaſſen, dann Überbürduug in den oberen. Wenn der Jüngling heute die klaſſiſchen Schriftſteller nicht mehr mit dem Eifer lieſt, wie das früher zu geſchehen pflegte; wenn der Mann ſie in den meiſten Fällen gänzlich bei Seite legt und ſich ausſchließlich den Anforderungen des öffentlichen und privaten Lebens hingibt, ſo iſt das zum Teil der fehlerhaften Anlage des ihm in der Knabenzeit zu Teil gewordenen Schulunterrichts zuzuſchreiben.Gefährdet wird der Unterricht in unſern höheren Schulen, wenn das für die wiſſenſchaftliche Forſchung erforderliche Spezialiſieren maßgebend wird für den Umfang der an die Schüler geſtellten Anſprüche. Dieſe Gefahr iſt noch geſteigert durch die umſichtige, aber ihren Zweck verfehlende Abfaſſung nicht weniger Übungsbücher, welche wo möglich jedes Wort zu einem Anlaſſe des Nachdenkens für den Schüler zu machen ſuchen und durch die jede Zuverſicht des Arbeitens ausſchließende Häufung von Schwierigkeiten eine Freudigkeit des Gelingens nicht aufkommen laſſen. Werden dann überdies die extemporierten Leiſtungen der Schüler in dieſer Richtung zum Maßſtabe des geſamten über ſie zu fällenden Urteils gemacht, ſo wird begreiflich, daß dieſer Unterricht, obgleich auf anerkennenswerten wiſſenſchaftlichen Studien und auf methodiſcher Erwägung beruhend, dennoch zu einer drückenden Bürde für den Schüler werden kann.*¹) Mit dieſen Worten iſt die im Allgemeinen jetzt herrſchende Methode des lateiniſchen

¹) Miniſterial⸗Verfügung vom 31. Mai 1882.