Aufsatz 
Bemerkungen über den fremdsprachlichen Unterricht im Realgymnasium / von Kortegarn
Entstehung
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grammatiſchen Unterricht der Schule mit den dazu gehörigen Übungen in einen ſo innigen Zu⸗ ſammenhang zu bringen, daß wechſelſeitige Ergänzung und Hülfe ſtattfinden, wie wir es zum Exempel bei der lateiniſchen Formenlehre und der franzöſiſchen Syntax zu beobachten Gelegen⸗ heit haben: jene ſteht in Bezug auf Vollſtändigkeit, Regelmäßigkeit, formale Bildungskraft un⸗ übertroffen da; dieſe hat durch ihre geiſt⸗ und geſchmackbildende Kraft entſchieden den Vorrang.

Der lateiniſche Unterricht ſoll ferner in den Geiſt und das Leben des römiſchen Volkes einführen. Darauf ſollte bei der Auswahl der lateiniſchen Übungsſätze und Leſeſtücke ſchon in der Sexta, noch mehr aber in der Quinta, Bedacht genommen werden. Von QWuarta ab aufwärts tritt die Lektüre eines ſelbſtändigen Schriftſtellers ein. Die Erläuterungen zu den Lehrplänen von 1882 geben an:In der Proſa beſonders hiſtoriſche Schriftſteller(Caeſar, Salluſt, Livius) und außerdem leichtere Reden Cicero's; in der Poeſie eine Auswahl aus Ovid's Metamorphoſen, Vergil's Aeneide(beſonders aus dem I. bis VI. Buch) und aus den lyriſchen Dichtern. Alles ſollte hinzugenommen werden, was dem Schüler die damalige Zeit und Kultur anſchaulich macht; Landkarten, Pläne, Modelle, Photographien, Gänge in die Altertums⸗Muſeen, Beſuch der Orte, wo ſich Reſte jener Zeit vorfinden, Zeichnen von Schlachtplänen nach dem lateiniſchen Text werden das Verſtändnis fördern und ein ungemeines Intereſſe erregen. Das ganze Bellum gallicum müßte bis zum Abſchluß der Tertia abſolviert ſein; daß es in Realſchulen häufig noch in Sekunda vorgekommen, oder daß nur einige Bücher daraus ſtatt des Ganzen geleſen worden, mag wohl ein Grund mit ſein, daß dem Lateiniſchen häufig von den Schülern nicht das gehörige Intereſſe gewahrt blieb. Der Caeſar iſt recht eigentlich für Tertianer geeignet; Sekundaner intereſſiert er nicht, namentlich wenn ſie ihn ſchon 2 Jahre lang in Tertia gehabt haben. Bei gebührender Hervorhebung des realen Elementes wird es möglich ſein, bei der Lektüre der für Sekunda und Prima angeſetzten lateiniſchen Autoren den Schülern eine Einſicht in römiſches Volks⸗ und Staatsleben, römiſche Kunſt und Architektur, römiſche Proſa und Poeſie zu geben. Finden ſich doch auch links und rechts Hülfen und Stützen dazu; im deutſchen, im franzöſiſchen, engliſchen, geſchichtlichen und im Zeichenunterricht. Und umgekehrt, welch' eine Erleichterung und Vertiefung bietet ſich auch für die franzöſiſche und engliſche Lektüre, wenn die Schüler ſchon in der Tertia das militäriſche Altertum, in der Sekunda das römiſche Haus, das Gericht, den Senat; in der Prima das Theater und das häusliche Leben der Römer kennen gelernt haben. Wird dabei viel geleſen, werden Abſchnitte als Ganzes überſehen, ſo lebt der Schüler ſich in ſeinen Autor hinein, er gewinnt ihn lieb und wird ihn künftig noch leſen.

Die Vermehrung der lateiniſchen Stunden im Realgymnaſium, ſo gering ſie auch iſt, wird es ohne Zweifel nach oben hin erleichtern, die Schüler in einem ſicheren Beſitz der zu erwerbenden grammatiſchen Kenntniſſe zu erhalten und ſie zu befriedigender Gewandtheit in der Lektüre der Schriftſteller zu führen; ſie kann aber allein nicht im Stande ſein, die Mängel, welche nicht nur in der Realſchule I. Ordnung, ſondern beim lateiniſchen Unterricht überhaupt vielfach beklagt werden, zu beſeitigen; es muß hinzutreten eine Änderung der jetzt üblichen Lehrweiſe namentlich in den unteren Klaſſen. In den letzten Dezennien hat ſich allmählich eine Art des Latein⸗Unterrichtes herausgebildet, welche für die Erfolge deſſelben verhängnisvoll ſein muß. Die gewiß richtige Anſchauung, daß die alten Sprachen vorzüglich dazu geeignet ſeien, die formale Bildung zu fördern,