Aufsatz 
Bemerkungen über den fremdsprachlichen Unterricht im Realgymnasium / von Kortegarn
Entstehung
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Die Stundenzahl für den lateiniſchen Unterricht iſt in Sexta unverändert geblieben, in den Klaſſen Quinta bis Ober⸗Sekunda iſt je eine, in Unter⸗ und Ober⸗Prima ſind je zwei Stunden wöchentlich zugeſetzt, und zwar ohne Erhöhung der Geſamtſtundenzahl, indem in Quarta bis Ober⸗Tertia die Mathematik von 6 auf 5, in Unter⸗Sekunda bis Ober⸗Prima die Naturwiſſen⸗ ſchaften von 6 auf 5, in Prima außerdem noch das Zeichnen von 3 auf 2 Stunden reduziert iſt. Gleichzeitig iſt im Gymnaſium eine Verminderung der lateiniſchen Stunden von Sexta bis Ober⸗ Tertia um je 1, in Unter⸗ und Ober⸗Sekunda um je 2 Stunden pro Woche eingetreten. Es iſt demnach dieſer Unterricht im Gymnaſium um 9 Stunden gekürzt, im Realgymnaſium um 10 Stunden verſtärkt worden. Im Abiturienten⸗Examen der letzteren Schulart tritt als Neues auf eine Über⸗ ſetzung aus dem Lateiniſchen ins Deutſche; die Überſetzung aus dem Deutſchen ins Lateiniſche bleibt wie früher beſtehen beim Übergang aus Ober⸗Sekunda nach Unter⸗Prima, an welche Stelle im Gymnaſium nun auch die früher im Abiturienten⸗Examen übliche Überſetzung aus dem Deutſchen ins Griechiſche und eine gleiche ins Franzöſiſche gelegt worden iſt. Gerade in dieſen Neuerungen vermag man die Wohlthat der wechſelſeitigen Einwirkung beider Schularten auf einander zu er⸗ kennen. Die Verſtärkung des lateiniſchen Unterrichts im Realgymnaſium iſt nicht geſchehen, um ein höheres Ziel zu erreichen, ſondern damit die erworbenen Kenntniſſe in der Grammatik als ein feſter Beſitz den Schülern erhalten bleiben und ſie zu befriedigender Sicherheit und Gewandt heit im Überſetzen der Schriftſteller geführt werden.

Es iſt häufig die Vielfältigkeit der Lehrgegenſtände der Realſchule I. Ordnung beklagt und bemängelt worden, daß dieſe Schulart kein zentrales Fach habe. Dieſe Schwäche trete beſon⸗ ders bei den Sprachen hervor, und werde um ſo fühlbarer, wenn man erwäge, eine wie aus⸗ geſprochene zentrale Stellung das Lateiniſche im Gymnaſium einnehme. Der Vorwurf iſt wohl nur dann begründet, wenn man die einzelnen Sprachen, welche im Realſchulplan vorkommen, als ohne Zuſammenhang neben einander hergehend behandelt, Es ſoll nicht beſtritten werden, daß dies leider zuweilen in den Schulen vorkommen mag; die Gefahr einer ſolchen Auseinanderreißung von zu⸗ ſammengehörigen Bildungsſtoffen iſt beſonders da groß, wo der ſprachliche Unterricht einer und derſelben Klaſſe gleichzeitig drei oder gar noch mehr Lehrern übergeben iſt. Faßt man aber als gemeinſame Aufgabe des Sprachunterrichts die Erweckung der Spracherkenntnis, und aus dieſer die Herſtellung des Sprachgefühls und endlich des Sprachbewußtſeins auf, ſo läßt ſich aus den im Realgymnaſium getriebenen Sprachen leicht eine Einheit konſtruieren. Sobald der innere Zu⸗ ſammenhang, welcher auf dieſem Gebiete beſteht, erkannt iſt, kann es nicht mehr zweifelhaft ſein, daß dieſer Sprachunterricht in ſeiner Totalität das verlangte zentrale Fach iſt. 127 Stunden unter 285 und nun gar 135 unter 280, ſind, wenn einheitlich geſtaltet, im Stande, für die geſamte geiſtige Entwickelung der Schüler ein feſtes Zentrum abzugeben, um welches ſich alle übrigen Fächer, je nach Klaſſe oder Altersſtufe, gruppieren.

Dem geſamten grammatiſchen Sprachunterricht des Realgymnaſiums Halt und Einheit zu ver leihen, und durch die Lektüre eine Anſchauung des römiſchen Geiſtes und Lebens zu geben, das iſt die doppelte Aufgabe, welche ſchon die Ordnung von 1859 dem Lateiniſchen in der Realſchule zuwies. Es ſollen zunächſt am Lateiniſchen die allgemeineren Sprachgeſetze zur Anſchauung und zum Be wußtſein gebracht werden, wozu dasſelbe wegen der Mannigfaltigkeit und Ausgeprägtheit ſeiner Formen

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