Aufsatz 
Bemerkungen über den fremdsprachlichen Unterricht im Realgymnasium / von Kortegarn
Entstehung
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dem ruhig fließenden Waſſer leicht zu bewerkſtelligen iſt; wie es nicht einerlei, ob man einen Berg auf ſteilem, der Sonnenglut ausgeſetzten Wege oder auf gemächlich durch Waldesſchatten ſich windendem Pfade erklimmt: ſo kann man auch im ſchulmäßigen Lernen verſchiedene Straßen wandeln, die eine, welche dem jugendlichen Geiſte die Schwierigkeiten über die Gebühr häuft, die andre, auf welcher ſie hinweggeräumt ſind. Wer die Protokolle der Direktoren⸗Verſamm⸗ lungen in den verſchiedenen Provinzen ſtudiert, die Verhandlungen in den großen Schulmänner⸗ Vereinigungen verfolgt, die emſige Thätigkeit in den einzelnen Lehrerkollegien, namentlich auch bei den Fachkonferenzen beobachtet, der wird es nicht abſtreiten können, daß in der Sichtung und Verarbeitung des Lehrſtoffes, in der Verteilung der Penſa auf die einzelnen Klaſſen, der Feſtſetzung zweckmäßiger Arbeitspläne für die Schüler außerordentliche Bemühungen gemacht wor⸗ den ſind und uoch immer gemacht werden; daß Fortſchritte zu verzeichnen ſind, die vielleicht nicht immer gleich an die Offentlichkeit treten, die aber der Gefahr der Überbürdung doch erfolgreich entgegenarbeiten. Wenn die vorliegenden Zeilen aus dieſer Werkſtätte ſtiller aber raſtloſer Thätigkeit die Disziplin des fremdſprachlichen Unterrichts im Realgymnaſium herausgreifen und über dieſe für die innere Entwickelung unſeres Schullebens hochwichtige Angelegenheit dem Leſer einige Bemerkungen vorzulegen ſich geſtatten, ſo geſchieht es in der doppelten Abſicht, einmal, weil ſich grade auf dieſem Gebiete während der letzten Jahre in der Wöhlerſchule Umgeſtaltungen vollzogen haben, in deren Urſachen und inneren Zuſammenhang einen Einblick zu thun den An⸗ gehörigen unſerer Schüler vielleicht nicht unwillkommen iſt; und dann, weil durch die ſchon er kennbaren Wirkungen dieſer Umgeſtaltungen in der Lehrmethode der Nachweis geliefert ſein dürfte, daß auch innerhalb unſerer heutigen Schulorganiſation die Schule in der Lage iſt, den Kampf gegen die Überbürdung unſerer Jugend ſiegreich durchzuführen.

Der fremdſprachliche Unterricht in den Realſchulen hat während der letzten Dezennien zu zahlreichen und umfaſſenden Erörterungen Anlaß gegeben. Sehr natürlich; denn er hängt nahe zuſammen mit der allgemeinen großen Realſchulfrage, mit der Stellung der Realſchulen überhaupt. Bei der Unterſuchung, welche Berechtigungen den Realſchulen erſter Ordnung(jetzt Realgymnaſien) zuzuerkennen und welche ihnen zu verſagen ſeien, nimmt die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, ihren Schülern eine mit der durch die alten Sprachen zu erlangenden gleichwertige geiſtige Durch⸗ bildung zu geben, eine hervorragende Bedeutung ein. Aber nicht nur dieſe äußern Momente ſind es, welche der Frage ein ſo eminentes Intereſſe verleihen: es gibt wohl kein Gebiet des Schul unterrichtes, auf welchem gleichzeitig von ſo vielen für ihren Beruf erwärmten Männern nach größerer Vervollkommnung gerungen worden, und auf dem auch wirklich ein ſo bedeutender Um ſchwung, eine ſolche Vertiefung der methodiſchen Behandlung ſtattgefunden hat, als gerade das des fremdſprachlichen Unterrichts in den Realſchulen. Die Unterrichts⸗ und Prüfungsordnung vom 6. Oktober 1859 lenkte denſelben zuerſt in feſte Bahnen, ſie hob ihn aus der Sphäre des bloß Praktiſchen und der ſchnellen Verwendbarkeit in das Reich der geiſtigen Durchbildung und Erziehung zur wiſſenſchaftlichen Arbeit; ſie ſetzte an die Stelle der bloß äußerlichen Fertigkeit ein Beherrſchen der Sprache, aus dem dann neben der allgemeinen Geiſtesbildung ſich das von ſelbſt ergibt, was das praktiſche Bedürfnis erfordert. Dem Franzöſiſchen und Engliſchen geſellte ſich in der Realſchule erſter Ordnung das Lateiniſche hinzu; dieſe drei fremden Sprachen treten