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vorkommenden Inverſionen bemerkt wurde, folgende Erklärung:„weil überhaupt Niemand, der unter dem Geſetze Moſe's ſteht, wenn Gott bei ſeinem Urtheil auf Werke, wie jenes Geſetz ſie fordert, und nicht auf etwas Anderes(ſ. V. 22) ſehen wollte, Rechtfertigung vor Gott finden kann, vielmehr von dieſem geſetzlichen Standpunkte aus Jeder ohne Ausnahme vor dem Angeſichte(d. i. nach dem Urtheile) Gottes als ein Sünder erſcheinen muß: ſo wiſſen wir(= ſo folgt), daß das Geſetz, wenn es in den angeführ⸗ ten Stellen von der Sündhaftigkeit der Menſchen redet, die unter ihm Stehenden d. i. die Juden nicht eiwa als ausgenommen betrachten kann, ſondern daß es dieſe eben ſo ſehr wie diejenigen, die zwar
das geſchriebene Geſetz nicht haben, aber ſich ſelbſt ein Geſetz ſind(ſ. Cap. II, 14), d. i. eben ſo ſehr wie
die Heiden in jenen Ausſprüchen begriffen denkt und ſomit von der Sündhaftigkeit der Menſchen in voll⸗ kommenſter Allgemeinheit redet, damit eben jeglicher Mund und nicht bloß der Mund der Heiden, ſtatt die Behauptung eigner Gerechtigkeit auszuſprechen, für jeden Selbſtruhm verſtummen müſſe und Gott ſtraf⸗ fällig werde d. h. Gott gegenüber ſich als ſtrafwürdig bekenne die ganze Welt d. i. die Juden nicht minder als die Heiden.“ Die ganze Stelle V. 19 und 20 ſoll, wie man deutlich ſieht, dem Wahne der Juden entgegentreten, als ob ſie ſich deshalb, weil ihnen durch Offenbarung des Geſetzes ein Vorzug ver⸗ liehen ſei, für beſſer als die Heiden zu halten und folglich die V. 10— 18 angeführten Schriftſtellen nicht auf ſich zu beziehen hätten. Nicht ohne Grund hat daher Paulus V. 19 ſtatt des Begriffes 7 NOαmν ſynekdochiſch den Begriff 6*⁴ος gebraucht: dem geſetzesſtolzen Juden mußte ſeine Ungerechtigkeit, worin er dem von ihm verachteten Heiden gleichſtand, um ſo greller entgegentreten, wenn die Schrift, in welcher das Geſetz Gottes enthalten war, oder kurzweg das Geſetz ſelbſt ſie ihm ſo nachdrücklich vorhielt.
Cinen Beleg für die Richtigkeit unſerer Erklärung des 20. Verſes finden wir in dem Satze: d„⁴ν 56 ⁴νονε νꝙυιασασ ⁵⁵‿α, der zur Begründung des durch 010⁄1 eingeführten Cauſalſatzes dienen ſoll. Die invertirte Wortſtellung iſt auch hier für die Auslegung von weſentlichem Belange. Deutlich wird in derſelben ſowohl der Begriff diα*νκeον, als auch der Begriff sertyνασ eαμρες als betont hervorge⸗ hoben. Die dadurch angedeutete Antitheſe iſt ohne Zweifel: 2⁴ι οmι υοσσεςος dν εααφeꝓρνσκχαᷣoο dud iGτέμις) dεααοαν(ſ. V. 22), und ſo gefaßt enthält jener Satz wie den Grund zum vorhergehenden, ſo auch den Keim zu dem in V. 21 nachfolgenden Gedanken.
Faſſen wir nun das über V. 19 und 20 Bemerkte zuſammen, ſo leuchtet ein, daß die Behauptung: 010νένꝙ d, drα⁴ οGχα*ι εέeνεέα τοε ενντ ⁶ι aet, ſofern wir ſie in der angegebenen Weiſe nehmen, durch die beiden zu V. 20 gehörigen Sätze vollſtändig erwieſen iſt. Aus der Wahrheit nänlich, daß durch Werke, wie das moſaiſche Geſetz ſie verlange, überhaupt Niemand Rechtfertigung vor Gott finden könne, wird zunächſt mit Rückſicht auf diejenigen, die unter dem moſaiſchen Geſetze ſtehen, d. i. mit Rückſicht auf die Juden dargethan, daß ſie ſich von jenen Zeugniſſen, in welchen das Geſetz ſelbſt Alle für Sünder erkläre, nicht etwa als ausgeſchloſſen zu denken hätten,— ein Beweis, der namentlich deshalb als völlig überzeugend erſcheinen muß, weil die Annahme der entgegengeſetzten Behauptung(daß nämlich die Juden in der erwähnten Beziehung ſich als ausgeſchloſſen zu denken hätten) doch nur unter der Vorausſetzung gelten könnte, daß von dem durch 111 eingeführten Satze(V. 20) das gerade Ge⸗ gentheil Statt fände, d. h. daß irgend Jemand durch Werke, wie das moſaiſche Geſetz ſie verlange, Rechtfertigung vor Gott zu finden im Stande wäre. Jene Unmöglichkeit ſelbſt aber, aus welcher die Wahrheit der fraglichen Behauptung erhellen mußte, die Unmöglichkeit nämlich, durch Geſetzeswerke ge⸗ rechtfertigt zu werden, wird ſogleich aus einem höheren Grund hergeleitet, indem der Apoſtel, auf die Natur des Geſetzes zurückgehend, bemerkt, daß daſſelbe, auch abgeſehen von dem Inhalt ſeiner einzelnen


