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stärkste Stütze der Kunst, das Gebäude nicht mehr hielt. Wal hat Seneca Recht, wenn er sagt 122):„Alles was die römische Beredsamkeit der des stolzen Griechenlands an die Seite oder noch höher zu stellen hat, entfaltete zur Zeit Ciceros seine Blüte“. Seitdem ging die Kunst mit raschen Schritten dem Verfall entgegen. Seneca sucht sich die Gründe desselben klar zu machen 123) und findet sie theils in der Ueppigkeit des Zeitalters, die er für das Gift der Geister hält, nament- lich in der Schlaffheit der Jugend, theils in dem Umstand, dass die Bestrebungen der Redner nicht mehr den Lohn fanden wie früher, theils in dem historischen Gesetze, dass Alles, was auf der höchsten Stufe seiner Entwickelung angelangt ist, in Bälde den Rückschritt beginnt 1 24). Freilich waren dies nicht die einzigen Gründe, da eben so sehr die politischen Ver- hältnisse und die verkehrte Unterrichtsmethode zum Verfall beitrugen. Wie wenig Zeit dazu gehörte, um einen ganz ver- änderten Geschmack zur Geltung zu bringen, zeigt das Urtheil des Verfassers des dial. de orat. 12⁵)
Der hergebrachte Unterschied zwischen Beredsamkeit und Rhetorik war der, dass jene die praktische, diese die theoretische Seite der Redekunst darstellte. Jetzt wurde der Begriff der Rhetorik ein anderer; indem die Kunst völlig in ihr aufging, bezeichnete sie eine eigenthümliche Vermi- schung beider Richtungen, die eben so wenig auf dem Boden der Praxis erwuchs als zu dieser vorbereitete. Seitdem die Stimme des Redners auf dem Forum und im Senate sich nicht mehr in der alten Weise geltend machen konnte, suchte und fand man Ersatz in rhetorischen Schulübungen, die bei dem Mangel an einem bestimmten Zweck vom Inhalt mehr oder
1²²) Pr. C. I, 6.— 1²³) Das. 7.
124) A. a. O.: In deterius... data res est... fato quodam cuius maligna perpetuaque in rebus omnibus lex est, ut ad summum perducta rursus ad inſimum, velocius quidem quam ascenderant, rela- bantur. Dasselbe Gesetz erwähnt auch Vellejus I, 17.
12) Cap. 20. 3


