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Aber das Bild hat auch seine Kehrscite. Die rechte Wissenschaft ist ihrer Natur nach der Masse nicht befreundet; wo sie zum Gemeingut Aller gemacht werden soll, verliert sie an Tiefe, was sie an Breite gewinnt. Darum wich in manchen Kreisen der wissenschaftliche Ernst allmählich einem gewissen Spielen und Tändeln mit Aeusserlichkeiten; bei Gastmählern, deren Reiz man durch einen Ohrenschmaus zu erhöhen suchte, war für ihn keine Stelle.
Bei dem allgemeinen Wissensdrange ist es nicht zu ver- wundern, dass man mit dem ersten Unterricht der Knaben so früh als möglich begann. Der verkehrte Zweck führte zu verkehrten Mitteln. An eine weise Beschränkung auf das für die Jugend Fassliche und an ein methodisches Fortschreiten in den einzelnen Zweigen des Unterrichts war nicht zu denken; das hätte das Ziel zu sehr in die Ferne gerückt. Dabei be- dachte man freilich nicht, dass der Grundsatz non multa sed multum beim Unterricht nicht ungestraft übertreten wird; daher erreichte man statt vielen Wissens nur Viel- wisserei.
Wie die Literatur überhaupt unter dem Principat in ihrem Wesen verändert wurde, so galt dies besonders von der Bered- samkeit, als derjenigen Richtung der geistigen Thätigkeit, die nur auf Einem Boden mit der politischen Freiheit gedeihen konnte. Die Reden gegen Antonius,„gewissermassen die Krone und der Triumph der Ciceronianischen Beredsamkeit“ 120⁰), waren so zu sagen die Grabreden der Beredsamkeit selbst. Wenn schon der Meister klagte 121):„Wir können uns nicht verbergen, was für Redner wir verloren haben, wie wenige nun zur Hoffnung berechtigen, wie noch wenigere eigentliches Talent, wie viele dagegen bloss Dreistigkeit besitzen“, in wélchem Grade musste dies erst gelten, als er selbst, die
bestimmten Zeugnissen, die den kritischen Sinn und die Richtung auf geistigen Gehalt in einem chrenvollen Lichte zeigen.
12⁰) Bähr a. a. O. S. 285.— 12¹) Cic. de off. II, 19, 10.


