28
weniger abstrahirten, dafür aber mit allen Mitteln die Form zu heben suchten. Mit äusseren Reizen aufgeputzt und mit pikanten Bemerkungen gewürzt, waren dieselben ganz geeignet, in einer Zeit, in der man sich vielfach mehr an der schönen Schale als an dem guten Kerne erfreute, nicht nur die phan- tastische Jugend, sondern auch reife Männer anzulocken. Wenn auch das Bild, das Quintilian von der Rhetorik entwirft 1 26), wegen der starken Farben, die er aufträgt, mehr für sein Zeitalter als für das des Seneca seine Wahrheit hat, so treffen doch die Grundzüge auch für das letztere zu.
Während die Beredsamkeit auf römischem Boden erwachsen war, zeigte die Rhetorik, mehr als irgend eine Richtung der geistigen Thätigkeit, den Einfluss der Griechen, welche, schon lange in der Weltstadt heimisch geworden, mit den ge- bildeten Römern im regsten wissenschaftlichen Verkehr standen. Dass sie sich bei den Declamationen ihrer Muttersprache be- dienten, wie die Beispiele bei Seneca zeigen, kann nicht be- fremden, da die griechischen Declamationen in Rom nichts Ungewöhnliches waren; man denke nur an die Studien eines Cicero, Brutus, Messalla u. a.(Vgl. Note 10.)
Die Bestrebungen der Rhetoren konnten keinen besseren Boden finden. In ihrer Begünstigung begegneten sich der Wille des Fürsten, der den Römern das Aufhören der öffentlichen Beredsamkeit auf diese Weise weniger fühlbar machen wollte, und die der Zeit eigene Begierde nach vielseitigem Wissen, die durch die rhetorischen Uebungen Befriedigung zu finden schien, und dies um so mehr, als man die allgemeine Bildung, welche früher für die Beredsamkeit gefordert wurde ¹²7), auch bei ihrem Schattenbilde, der Rhetorik, zu erlangen glaubte. Als auch noch die Sitte aufkam, die Knaben in die Schule der Rhetoren als eine Vorschule der Bildung überhanpt zu schicken, war der Einfluss der nenen Wissenschaft ein durch- greifender geworden, der selbst bei den gleichzeitigen Schrift-
12⁶) V, 12, 17 ff.— 1²⁷) Vgl. unten Note 316.


