Aufsatz 
Über den Rhetor Seneca und die römische Rhetorik seiner Zeit / vom ... Koerber
Entstehung
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sei, und die Heisssporne nicht bedauert, die lieber ihren Kopf aufs Spiel setzen, als ein freies Wort ungesagt lassen 7⁷).

Von der geistigen Tüchtigkeit seiner Zeitgenossen hat er keine hohe Meinung. Er geht so weit, zu behaupten, dass sich unter denselben keiner befinde, der geistreich und strebsam genug, ja der überhaupt ein Mann sei 786). Darum müsse man es als eine gute Fügung der Gottheit betrachten, dass die Massregelungen(supplicia) der Geister durch Verbrennung ihrer Werke erst dann in Gebrauch kamen, als die Geister selbst zu fehlen begannen 7⁰).

Mit aller Bewunderung spricht er dagegen von Cicero. Dieser ist für ihn ein Genie, das sich hinsichtlich seiner Grösse nur mit dem römischen Reiche vergleichen lasse s). Was er- folgt wäre, wenn man auch seine Schriften proscribirt hätte, lasse sich gar nicht ermessen ³ ¹). Doch ist er nicht blind gegen die politischen Schwächen desselben. Er hebt ausdrücklich hervor, dass ihm die constantia gefehlt habe 82), und weist den Vorwurf des Laberius, Cicero habe zwischen zwei Stühlen gesessen, da er weder dem Pompejus, noch dem Cäsar ein zuverlässiger Freund gewesen sei, sondern beiden geschmeichelt habe, nicht ganz zuriück ³).

Ueber die religiösen Ansichten Senecas gibt nur eine Stelle ⁸4) einigen Aufschluss. In einem Zeitalter, in welchem die Stützen des religiösen Glaubens gebrochen, und die welt- männische Philosophie des Realismus den höheren Klassen ein

77) C. 12, 13. 1a) Vgl. oben S. 13. 703) Pr. C. X, 7. Es steht ausser Frage, dass Seneca seine Zeitgenossen nach ihrer gei- stigen Entwickelung mit einer Härte beurtheilt, die theilweise bis zur Ungerechtigkeit fortschreitet, obwohl diese durchaus nicht in seinem Willen lag. Eine Erklärung dieser Thatsache findet man theils in der Eigenthümlichkeit des Greisenalters, das mehr in der Vergangenheit lebt als in der Gegenwart und nur zu leicht das Gute der letzteren verkleinert, wenn die erstere etwas Besseres bot, theils in der naheliegenden Versuchung, einzelne Fälle, sobald deren Zahl eine bedeutende wird, zu einer allgemeinen Regel zu stempeln.

°) Pr. C. I, 11. 21) Pr. O. X, 6. ¹³²) C. 12, 4. ) G. 18, 9. 24) Pr. C. X, 6.