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wunderung veranlasste ihn das Verhalten des Asinius Pollio, der vier Tage nach dem Tode seines Sohnes in gewohnter Weise seinen Vortrag hielt und dadurch zeigte, wie ein grosser Geist seines Unglücks spottet? ¹). Es verrät in der That einen hohen Grad von eigenem Starkmut, wenn Seneca es eine Schwäche nennt, dass der Rhetor Haterius nach dem Tode von sechs Söhnen mitten in einem Vortrage, dessen Inhalt ihn an seinen Verlust erinnerte, in Thränen ausbrach ⁷²). Trotz seines antiquus rigor darf man sich aber Seneca nicht als einen starren und finsteren Charakter denken. Gegen den Vorwurf der Pedanterie verwahrt er sich selbst ²³). Er war aber auch kein Feind des Frohsinns, wie der Umstand zeigt, dass er in seinen Schriften die Gelegenheit, Scherze und Witzworte der Rhetoren mitzutheilen oder sich auch selbst darin zu versuchen, nicht leicht vôrübergehen lässt. Was die Beziehungen betrifft, in denen Seneca zu den poli- tischen Verhältnissen der Zeit stand, so lassen die spär- lichen Nachrichten, die sich darüber finden, vermuten, er sei der Anhänger einer gemässigten Freiheit gewesen. Von Au- gustus, den er vir clementissimus nennt 7⁴), rühmt er, dass, derselbe dem freien Worte einigen 75) Spielraum liess. Dagegen spricht er mit Entrüstung von der in seiner Zeit aufkommenden Sitte, literarische Auto-da-Fé's zu halten 76), wiewohl er da- für hielt, dass Vorsicht in den Meinungsäusserungen rätlich
1¹) A. a. O.: praeconium illud ingentis animi fuit malis suis in- sultantis.— 7²) Vgl. a. a. O.
7³) Zunächst freilich nur in Bezug auf seine Anforderungen an die Rhetoren. Pr. C. X, 10: Nec sum ex iudicibus severissimis qui omnia ad exactam regulam reducam: multa donanda ingeniis puto, sed donanda vitia, non portenta.
7⁴) Pr. C. IV, 5.—*s) Denn es war nicht eben ein hohes Mass von Freiheit, wenn man ungestraft dem allmächtigen Mäcenas seine niedere Herkunft vorrücken konnte. Vgl. C. 12, 13.
7⁶) Pr. C. X, 5 ff., wo sich u. a. die Worte finden: Facem studiis subdere et in monumenta disciplinarum animadvertere quanta et quam non contenta cetera materia saevitia est!


