Aufsatz 
Über den Rhetor Seneca und die römische Rhetorik seiner Zeit / vom ... Koerber
Entstehung
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Darum spricht er auch mit der grössten Entrüstung von einer Jugend, die in Müssiggang, Schlaffheit und Wollust versunken sich mit Singen und Tanzen ergötze, das Haar in Flechten ordne, die Stimme zu weibischen Schmeicheleien dämpfe, sich ein glattes und stutzerhaftes Ansehen gebe und an Weichlich- keit mit den Frauen wetteifere. Mag er auch als laudator temporis acti diese Verhältnisse zu schwarz malen, mag er auch geradezu Unrecht haben, wenn er fragt: Quis aequalium vestrorum, quid dicam satis ingeniosus, satis studiosus, immo quis satis vir est 67) 2 so zeigen solche Worte wenigstens seine Gesinnung.

Gegen die Unsittlichkeit zieht er wiederholt zu Felde. Er klagt, dass so viele die eigene Sittsamkeit vernachlässigen und die fremde angreifen und sich nur in der bösen Lust als Männer zeigen. Er fordert namentlich vom Redner, dass er in Wort und Sinn alles Anstössige vermeide; denn es sei besser, Manches zum Nachtheil der vertheidigten Sache zu verschweigen, als mit Verletzung des Anstandes vorzubringen 68).

Seine Liebe zur Einfachheit geht auch daraus hervor, dass er seinen Sohn Mela zur Zufriedenheit mit dem Stande des Vaters ermahnt. Wol war er selbst in früheren Jahren gegen Auszeichnungen nicht kalt gewesen; aber später ent- wickelte sich bei ihm die Ansicht, dass die Theilnahme an dem öffentlichen Leben ihre Gefahren habe, während solche, die sich der Wissenschaft hingäben, gleichsam in sicherem Hafen geborgen dem Schicksal nur einen kleinen Spielraum gewährten 6).

Es lässt sich annehmen, dass ein solcher Mann nicht gebeugt wurde, wenn ihm das Leben nicht immer seine angenehme Seite zeigte. Die schönen Worte: 0 magnos viros qui fortunae succumbere nesciunt et adversas res suas virtutis experimenta faciunt 7⁰)! mögen so recht aus seiner Seele heraus geschrieben sein. Zu diesem Ausrufe der Be-

67) Pr. C. I, 9. ³⁸) C. 2, 23. 0) Pr. C. II, 3 und 4. 7⁰) Pr. C. IV, 6.