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dieselben Römer gesunken, deren Väter es für unerlaubt ge- halten hatten, den Arm von der Toga zu entblössen, wenn sie auf dem Forum auftraten 61). Wenn der Philosoph Seneca die Unsittlichkeit das grösste Uebel seiner Zeit nennt 62), so darf man diese Zeit um ein gutes Stück rückwärts verlängern.
In welchem Verhältniss steht nun Seneca zu dem Sitten- verderbniss des Zeitalters?
Die Antwort findet man hauptsächlich in den Proömien zu den einzelnen Büchern seines Werkes. Was er in denselben ausspricht, kann man ohne Bedenken als den ungetrübten Aus- druck seiner Ueberzeugungen betrachten, da er als Vater zu seinen Söhnen redet, und zwar in einem Tone, der jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit ausschliesst. In diesen Proö- mien zeigt sich nun Seneca als ein Mann, der von der allge- meinen Fäulniss nicht angesteckt worden ist. Dies Verdienst wird nicht geschmälert durch die Erwägung, dass er aus einer Municipalstadt stammte, in welcher sich die alte Zucht länger erhielt; denn er lebte früh und lange genug in der Hauptstadt, um allen Lockungen derselben ausgesetzt werden zu können. Ein grosser Bewunderer des M. Porcius Catoë³), gehört er seinem ganzen Wesen nach der alten Zeit römischer Einfachheit und Sittsamkeit an. Das lockere Wesen war ihm so ver- hasst, dass er, wie sein Sohn bezeugt 6 ⁴), in seiner Hingabe an die Gewohnheit der Vorfahren und in seiner Sittenstrenge alten Schlages(autiquus rigor) etwas zu weit ging. Sein Ab- scheu vor der Ueppigkeit, die er eine Pest des Geistes nennt 65), war so gross, dass er die Neigung der Helvia zu wissenschaftlicher Thätigkeit zu zügeln suchte, weil er Beispiele von Frauen vor Augen hatte, bei denen jene nicht einen Fortschritt in der Weisheit, sondern eine Anwei- sung zu eitlem Wesen und Treiben zur Folge hatte).
6¹) Ex. C. V, 6, 2.— ³²) Consol. ad Helv. 16, 3.
*¹⁸) Pr. C. I, 9.— 0¹4) Consol. ad Helv. 17, 3 u. 4.— ⁹⁸) Pr. C. I, 7.— 5⁶⁴) Consol. ad Helv. 17, 4.


