Aufsatz 
Der kirchengeschichtliche Unterricht im Gymnasium / von E. Kölsch
Entstehung
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Die geſamte Theologie der Neuzeit arbeitet mit ganz anderen Mitteln und iſt im Beſitze einer ganz anderen Methode als in vorderen Zeiten. Die hiſtoriſch⸗kritiſche Methode will auf dem Wege genauer hiſtoriſcher Forſchung den Schleier, welcher auf den Zeiten des Urchriſtentums bisher gelegen hat und zum Teil immer noch liegt, heben und damit die Möglichkeit einer teilweiſen Neubegründung und⸗Formulierung der chriſtlichen Wahrheit herſtellen. Die Kräfte und Gaben, die ſich bei dieſer Arbeit verſuchen, ſind ſehr verſchieden geartet, aber ſie alle wollen ihr Beſtes leiſten. Aber nur dann wird man zum Ziele kommen, wenn man von den Ergebniſſen theologiſcher Arbeit früherer Jahrhunderte zunächſt abſieht und die Schrift unter Berückſichtigung aller in Betracht kommenden Momente auf ihren wahren und rechtverſtandenen Glaubensgehalt prüft. Es bedarf dazu eines religiöſen Geiſtes, wahrer Liebe zu der Perſönlichkeit des Erlöſers, genauer Kenntniſſe der geſchichtlichen Ereigniſſe und Zuſtände, während welcher die heiligen Schriften entſtanden ſind, der Bildungsmomente in den erſten Zeiten des Chriſtentums, der Philoſphie und Philologie, aber auch eines Geiſtes, der die vielfach poetiſche, bilderreiche Sprache der Schrift zu würdigen weiß.(Herder). Am Beginne dieſer Arbeit ſteht eine vielſeitig angelegte, höchſt bedeutende Perſönlichkeit, Friedrich Ernſt Daniel Schleiermacher 17681834.(Kurze Ueberſicht über Lebens⸗ und Bildungsgang Schleiermachers und Betonung der nachhaltigen Wirkung herrnhutiſcher Frömmigkeit für ſein ganzes Leben nach der Seite inniger Hingabe an die Perſon des Erlöſers). Seine Schüler haben ſeine Arbeit, ſich mehr oder weniger eng an den Meiſter anſchließend, weiter fortgeſetzt, andere theologiſche Schulen ſind in die Arbeit eingetreten, ſo daß ſie rüſtig weiterſchreitet. Es hat an unerwieſenen, tendenziöſen Behauptungen, an voreiligen Schlüſſen nicht gefehlt, aber die Correktur iſt nicht ausgeblieben. Vieles und Erfreuliches iſt bereits geleiſtet, in vielen wichtigen Fragen hat man Uebereinſtimmung erzielt. Viele ſehen verlangend einer befriedigenden Neubegründung der chriſtlichen Wahrheit entgegen, nicht als einer ſolchen, welche die Grundlagen der chriſtlichen Heilsthatſachen ignorieren dürfte, denn das Bekenntnis eines perſönlichen, ſelſtbewußten, weltſchöpferiſchen und ⸗erhaltenden Gottes, Jeſu als des Chriſt Gottes und des alleinigen Mittlers zwiſchen Gott und den Menſchen, des göttlichen heiligen Geiſtes, der da wirkt an dem einzelnen, wie an der chriſtlichen Gemeinſchaft und das in Chriſto begründete Heil vermittelt, das Bekenntnis dieſer bibliſchen Trinität bleibt und muß beſtehen bleiben, aber auch nicht als einer ſolchen, die mit dem beſon⸗ nenen und berechtigten Streben und Wiſſen der Zeit in Widerſpruch ſtünde, vielmehr in ſich trägt eine Verſöhnung von Wiſſen und Glauben und zugleich die ſchönſte, edelſte Krönung alles menſchlichen Denkens, Strebens und Lebens iſt.

Und wenn heute der Kampf der Parteien auch auf dem Gebiete theologiſcher Forſchung nicht raſtet, ſo ſehen wir darin nicht ein Hemmnis, viel eher eine Förderung des zu erreichenden Zieles, wenn nur jede um die Wahrheit kämpfen und ihr die Ehre geben will. Verſchiedene Auffaſſungsweiſen ein und derſelben chriſtlichen Wahrheit, des chriſtlichen Glaubens hat es auch ehedem gegeben. Ein Paulus iſt nicht derſelbe wie ein Jakobus, und der Chriſtus der Synoptiker deckt ſich nicht in allen Stücken mit dem Chriſtus des Johannes, und auch die alte Kirche hatte ihre verſchiedenen Schulrichtungen. Und ſolche verſchiedenen Richtungen gibt es heute noch in der evangeliſchen Kirche, die nach rechts, nach links und in der Mitte ſtehende, vermittelnde Richtung. Die beiden erſten können wir als die extremen Richtungen bezeichnen, die dritte als diejenige, welche wiſſenſchaftlich und praktiſch auf dem oben angegebenen Glaubens⸗ grunde die Gegenſätze mildern und trotz der Verſchiedenheit im einzelnen auf dem gemeinſamen Grunde ihre Glieder ſammelt. Die extrem orthodoxe Partei hält im großen und ganzen feſt an dem Glauben des ſiebzehnten Jahrhunderts, die vermittelnde Richtung anerkennt das Recht einer maßvoll geübten Kritik, während die linke Seite von der Kritik einen weit freieren Gebrauch macht. Solche Richtungen und Parteien ſcheinen eben im Weſen der Menſchen begründet zu ſein, ſelbſt da, wo man der göttlichen Heils⸗ wahrheit gegenüberſteht. Die Strahlenbrechung dieſer ewigen Sonne iſt in dem Menſchengeiſte verſchieden, aber trotz der Verſchiedenheit im einzelnen kann doch der Grund des Glaubens wohl derſelbe ſein. Man muß nur wiſſen, daß Liebe halten im Glauben auch ein wichtiges Stück Chriſtentum iſt, und daß es gerade Paulus iſt, der dieſes Liebehalten im Glauben ſo ſehr betont.