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mindestens stark einschränken. Auch der große Drama- tiker SHAKESPEARE, der Meister realistischer Dar- stellung, ist dieser Klippe wohlweislich ferngeblieben. Zwar kommt Ophelia(Hamlet IV, 5) der Wirklichkeit ziemlich nahe, aber Hamlet täuscht den Wahnsinn nur vor und spricht für die Eingeweihten höchst geistvoll. Die Lady Macbeth weist alle Anzeichen übermächtiger Leiden- schaft und heftigster Gewissensbisse auf, wenn sie in Halb- schlaf, nachtwandelnd alle Schauer ihrer Tat nochmals erlebt; aber in klinischem Sinne wahnsinnig ist sie nicht, noch weniger der König Lear. Jedes Wort, das er spricht, steht in klarstem logischem Zusammenhang mit seinen Er- lebnissen. Der Eindruck des Wahnsinns liegt— wie bei KAschylus— in den freien und kühnen Gedanken, in der Wucht des bilderreichen Ausdrucks. Scheinbar wütend, ist er gerade jetzt zur Vernunft gekommen, von dem törichten Königswahn geheilt. In dem vornehmen Maß- halten in den Einzelmerkmalen, in dem Begnügen mit dem allein bühnenmöglichen poetischen Wahnsinn zeigt sich Shakespeares Genialität; hierin kann er auch den Neueren und Neuesten nur vorbildlich sein.


