Aufsatz 
Zur Auffassung und Darstellung des Wahnsinns im klassischen Altertum
Entstehung
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Teil von allen Dichtern der römischen Kaiserzeit. Bei keinem zeigt sich aber das Überwiegen des Rhetorischen, das Übermaß der Leidenschaft mehr als bei SENECA, mit dem ich unseren UÜberblick schließen möchte. Während die Griechen den klinischen Wahnsinn niemals in der höchsten Entfaltung auf der Bühne selbst darstellten (außer Euripides imOrest; vgl. oben), hat Seneca in seinem ‚Herculesfurens' den Wahnsinnsanfall selbst den Zuschauern gezeigt. Am hellen Tage glaubt Hercules (Vs. 926 ff.) zu sehen, wie sich der wolkenlose Himmel ver- finstert, die Sterne erscheinen; er sieht den von ihm be- zwungenen Löwen die Sternbilder erhaschen. Auf die Fragen der Seinen achtet er nicht, sieht diese nicht mehr, sondern nur noch die Trugbilder seiner krankhaften Phan- tasie. Drohend wendet er sich nach dem Himme!l, will mit den Titanen diesen erobern und Juno bezwingen. Seine Kinder hält er für die seines Feindes und tötet das eine mit einem Pfeile. Dann reißt er das Tor ein, zerschmettert das zweite Kind mit seiner Keule und verfolgt die flie- hende Megara, die er nun für Juno hält und samt dem Säugling erschlägt. Das alles geschieht vor den Augen der Zuschauer, soweit man überhaupt annehmen darf, daß diese Tragödien für die Aufführung bestimmt waren. Nach seiner Schreckenstat war Hercules bewußtlos. zu Boden gesunken und in tiefen Schlaf verfallen. Nachdem der Chor das entsetzliche Unglück beweint hat, erwacht Hercules(Vs. 1138) aus seiner Betäubung, sieht die Hin- gemordeten, kann sich aber an nichts mehr erinnern. Ja er will den Mörder erforschen und Rache nehmen. Erst allmählich erkennt er aus den Blutspuren an seinen Hän- den und Waffen, daß er der Mörder ist. Man merkt, wie sehr Seneca sich bemüht, den Eindruck der Naturwahrheit hervorzurufen, wie er nicht mehr davor zurückschreckt, den Anblick des Gräßlichen und Häßlichen auf der Bühne zu bieten. Und doch bleiben auch bei ihm von einzelnen naturalistischen Kleinigkeiten abgesehen seine hochtra- benden Reden und die Mordtaten selbst die wichtigsten Anzeichen des Wahnsinns.

Volle Naturwahrheit des mit psychia- trischen Kenntnissen nachgeahmten kli- nischen Wahnsinns vor den Augen der Zu- schauer ist überhaupt eine bühnentech- nische Unmöglichkeit. Mit Recht war Euripides in der Hauptsache bei der mehr episch gehaltenen FEr- zählung im Botenbericht stehen geblieben, für den er seine medizinischen Kenntnisse verwerten konnte; auf der Bühne selbst mußte er sich der poetischen Form der Wahn- sinnsdarstellung nähern, die klinischen Erscheinungen