Aufsatz 
Zur Auffassung und Darstellung des Wahnsinns im klassischen Altertum
Entstehung
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der Kgl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Phi- los.-philol. u. hist. Kl., Jahrg. 1910, 1. Abh.) hat das Ver- dienst, zuerst hierauf hingewiesen zu haben, daß wir zwi- schen der persönlichen UÜberzeugung des Schriftstellers und seinen Zugeständnissen an die Volksmeinung und die Zwecke seiner Stimmungs- und Situationsmalerei einen gewaltigen Unterschied annehmen müssen. Dem Glauben des Volkes folgt er, wenn er die wahnsinnigen Bürger- kriege Roms seit der Gracchenzeit auf den Zorn der Götter zurückführt(Hist. II, 38: eadem illos deum ira, eadem hominum rabies, ededem scelerum causae in discordiam egere), wenn er die Schreckensherrschaft eines Seian, Tibe- rius, Nero, besonders die Greuel des Jahres 65 auf dieselbe Weise erklärt(Ann. IV, 1: non tam sollertia... quam. deum ira in rem Romanam; Ann. XVI, 16: ira illa numi- num in res Romanas fuit, vgl. auch Ann. XIV, 4; XV, 36; XVI, 13). Recht bezeichnend sind die Ereignisse bei den Erhebungen der Legionen im Jahre 14 n. Chr. Den Auf- stand in Pannonien unterdrückt Drusus in schlau berech- neter Ausnutzung der abergläubischen Furcht bei einer Mondfinsternis. In dieser erblicken die Soldaten eine Drohung der Götter, und sie jammern schon, nun hätten sich die Himmlischen von ihrem Tun abgewendet(Ann. I, 28: et postquam ortae nubes offecere uisui creditumgque conditam tenebris, ut sunt mobiles ad superstitionem per- culsae semel mentes, sibi acternum laborem portendi, sud facinora aversari deos lamentantur). Bei der Meuterei der germanischen Legionen aber beruhigt Germanicus die bereits der Wahnsinnstat eines Gesandtenmordes fähigen Gemüter durch den Hinweis darauf, daß der Wahnsinn durch den Zorn der Götter, nicht durch die Schuld der Soldaten von neuem ausgebrochen sei(Ann. I, 39: lum fatalem inerepans rabiem, neque militum, sed deum ira resurgere); solche Wirkung übte die alte mythische Vor- stellung immer noch aus. . Ganz im Geiste des griechischen Mythos hat VERGIL seine Stoffe behandelt. An die Stelle der Euripideischen Lyssa ist in derAeneis die noch schrecklichere Allekto getreten, die, Eris und Erinys zugleich, die Königin Amata, deren Umgebung und Turnus mit schrecklichem Wahnsinn zur Wut reizt(Aen. VII, 331 ff.). Mit großer Sorgfalt und guter Urteilskraft hat Heinze(Vergils Epi- sche Technik) die Quellen und Vorbilder Vergils aufge- zeigt und zugleich des Römers Eigenart und persönliche Kunst hervorgehoben, mit der er doch ein Neues, Nichtda- gewesenes herausgearbeitet hat. Was er von seiner Sen- timentalität, im Gegensatz zu dem naiven Homer, seinem Sinn für Erhabenheit und Würde, seiner Neigung zu Rhe- torik und heftigen Affekten sagt, das gilt zum größten