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sinnigen Handlungen der Menschen immer geblieben. Das Christentum hat zunächst diesen Glauben eher be- fördert als bekämpft. Indem es die früheren heidnischen Gottheiten zu Dämonen erniedrigte, schrieb es diesen aller- lei Einwirkungen auf die Seelen zu. In der ältesten latei- nisch geschriebenen Prosaschrift christlichen Inhalts, dem Dialog„Octavius“ des M. MINVCIVS FELIX(Ende des 2. Jahrhunderts) läßt der zum Christentum überge- tretene Verfasser seinen Jugendfreund Octavius Januarius als begeisterten Verteidiger des Christentums gegen die Anklagen und Vorwürfe des heidnisch gebliebenen Cäcilius Natalis auftreten. Er leugnet die Allmacht der heidni- schen Götter und erklärt die von ihm teilweise zuge- standene Tatsache der Auspizien und Orakel durch die Annahme, solches bewirkten unreine, unstete Geister, die von ihrer himmlischen Vollkraft durch irdische Begierden herabgesunken seien. Diese von Magiern und Philosophen nachgewiesenen Dämonen hielten sich hinter geweihten Bildern verborgen und täuschten die Menschen. Ja sie schlichen sich sogar heimlich in die Körper ein und be- wirkten Krankheiten. Unter ihrem Einfluß stünden auch die Rasenden, die man öffentlich laufen sehe, die zugleich Weissager seien und sich in tollen Wirbeltänzen als wahn- sinnig gebärdeten.(Oct. 26, 8: Spiritus sunt insinceri. uagi, à caelesti uigore terrenis laäbibus et ceupiditatibus degrauati. 27, 1: Isti igitur impuri spiritus, daemones, ut ostensum magis ac philosophis, sub statuis et imaginibus consecratis delitiscunt et adflatu suo auctoritatem quasi praesentis numinis consequuntur, dum inspirant interim natibus... 27, 3: Hinc sunt et furentes, quos in publicum uidetis excurrere, uates et ipsi absque templo, sic insaniunt. sic bacchantur, sic rotantur.(Der Text ist jetzt der Schule zugänglich in Nr. 1 der„Lateinischen und griechischen Lesehefte“ bei Velhagen& Klasing.) Die gleiche Ansicht findet sich auch in dem wenig später geschriebenen„Apo- logeticum“ Tertullians und bleibt noch Jahrhunderte lang lebendig.
Selbst Schriftsteller, die über den Köhlerglauben der breiten Volksschichten hoch erhaben waren, wie CORNE- LIVS TACITVS, konnten sich den hergebrachten An- sichten nicht völlig entziehen. Der Vertreter der Auf- klärung, der verächtlich auf die Wundersucht ungebildeter Jahrhunderte herabsieht, wird teils durch künstlerische Absichten, teils durch allgemein konservative Rücksichten, teils durch bewußte Anlehnung an volkstümliche Denk- und Redeweise dazu gebracht, die Auffassungen seiner Helden, der geschilderten Volksmassen wie auch seiner Leser zu würdigen und beizubehalten. Robert von Pöhl- mann(Die Weltanschauung des Tacitus, Sitzungsbericht


