Aufsatz 
Zur Auffassung und Darstellung des Wahnsinns im klassischen Altertum
Entstehung
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sei also rein körperlichen Ursprungs. Nur Sühnepriester und Aufschneider hätten jenen Irrtum ersonnen, weil sie durch ihre meist erfolglosen Anweisungen sich bereichern wollten. Schon die Tatsache, daß man natürliche Heil- mittel auch gegen diese Krankheit anwenden könne, be. weise, daß von göttlichem Ursprunge keine Rede sei. Da- bei hat Hippokrates in seiner medizinisch hochbedeut- samen Schrift alle Krankheitsanzeichen sowie die Heil- mittel genau geschildert.

Diese Lehre des Hippokrates und seiner Schule wirkte mächtig ein auf die gesamte griechische Auf- klärung, wie sie besonders von den Philosophen und Sophisten vertreten wurde. Kein Wunder, daß auch Euri- pides, der Dichter der griechischen Aufklärung(mQmm+ιος ⁴2⁶οs), stark davon beeinflußt wurde. Ganze Stellen seiner Dramen kann man mit Aussprüchen des Hippo- krates vergleichen, wie z. B. die Betrachtung über natür- liche und gottverhängte Krankheiten aus einem Fragment desBellerophontes, die mit dem Satze endigt:Götter, die Böses tun, sind keine Götter(Eur. Fragm., 292, Nauck: Ei Seoi ν οαασασν αmν᷑ιν oObæ eioν Seoi). Das deckt sich genau mit der Auffassung des Hippokrates in seiner Schrift von derheiligen Krankheit, wie man auch die einzelnen Symptome bei Euripides den von Hippokrates aufgezähl- ten zur Seite stellen kann. Als wichtiges Ergebnis dieser Belehrung darf festgestellt werden, daß nunmehr auch in diesen Fragen wie lange vorher in allgemein naturwissen- schaftlichen und philosophischen dem mythischen Denken der Boden entzogen und das streng kausale Forschen an die Stelle getreten war.

Die Gedanken der Aufklärung, wie sie Euripides mit Hippokrates und den Sophisten verbreitet hat, wurden bald Allgemeingut des ganzen Volkes. Jetzt war der Weg geebnet, auch die seelischen Vorgänge, Hemmungen wie Förderungen, ohne mythische Beeinflussung zu er- forschen. Während PLATO sich im ‚Phaedrus'(244 f.) noch teilweise auf den alten mythischen Standpunkt stellt und neben den rein körperlichen Geisteskrankheiten(265) noch drei Arten von Manien, die prophetischen Zustände, die Ergriffenheit der Mysten und die dichterische Be- geisterung, als Gaben der Götter, nämlich des Apollo, des Dionysos und der Musen unterscheidet, hat er sich im Timaeus'(44) zu der aufgeklärteren Auffassung durch- gerungen, daß für jeden geistigen Vorgang lediglich die Einwirkung des Gehirns maßgebend sei und daß dieses selbst, abgesehen von seiner natürlichen und ererbten Be- schaffenheit, von der Ernährung und Lebensweise ab- hängig sei. Auch ARISTOTELES schließt sich dieser Ge- samtauffassung an, wenn er alle seelischen Tatsachen und