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Bevor wir nun der Frage näher treten, durch welche Einflüsse die mehr symbolische Darstellung des Wahn- sinns durch eine außerhalb des Kranken stehende, den Wahnsinn verursachende Person von einer neueren Auf- fassung abgelöst wurde, sei zunächst die Stellungnahme der BILDENDEN KUNST und des Volksglaubens be- trachtet. Die Maler scheinen durchweg der älteren Vor- stellung gefolgt zu sein, wie zahlreiche Vasenbilder zeigen. Ein treffliches Beispiel ist die berühmte Dariusvase, auf der dargestellt ist, wie die Gottheit der Verblendung, „Ate“, der wahnwitzigen Asia zum Kampfe gegen die von Zeus und Nike, von Athene, Apoll und Artemis beschützte Hellas voranleuchtet(Baumeister, Denkmäler 449). Auf der Medeavase(Baumeister, 980) lenkt„Oistros“, die Gott- heit des Wahnsinns(zu 0foroos vgl. oben), Medeas Wagen mit dem Schlangengespann, auf dem diese, die eben noch das Schwert gegen einen ihrer Knaben zückt, entfliehen soll. Auf einem anderen Bilde ist Lykurg(Baumeister, 980) dargestellt, wie er in wahnsinniger Wut sein Weib erschlägt, während ihn die Personifikation der Raserei. vielleicht Lyssa, mit dem Stachel antreibt oder blendet. Natürlich wurde auch der von den Furien verfolgte Orest mehrfach auf Vasenbildern dargestellt(Baumeister, 1313 und 1315).
Alle diese Vorstellungen sind eng verknüpft mit dem VOLKSGLAUBEN, der bestimmte Geister für allerlei Störungen der seelischen Ruhe verantwortlich machte. Der Hirtengott Pan sendet den panischen Schrecken, aller- lei Dämonen, wie Ephialtes, Pnigalion die Sirenen, Em- pusen, Lamien und Mormolykien, verursachen Entsetzen, Alpdrücken und beängstigende Träume. Die im Altertum recht häufig auftretende Fallsucht oder Epilepsie war erst recht rätselhaft und unverständlich. Man nannte sie all- gemein„heilige Krankheit“(eoth vonναςα) und hielt sie für eine Folge göttlicher Einwirkung. Von eigentlichen Gei- steskrankheiten wußten selbst die Xrzte sie ursprünglich ebensowenig zu unterscheiden wie das Delirium und ähn- liche Fiebersymptome.
Gegen diese Auffassung wandte sich zum erstenmal mit allem Nachdruck der hochberühmte Arzt HIPPO- KRATES aus Kos, ein jüngerer Zeitgenosse des Perikles, der hochbetagt um 356 v. Chr. starb. In einer besonderen Schrift(„Von der heiligen Krankheit“) wies er nach, daß die Fallsucht ebensowenig göttlichen Ursprungs ist wie irgend eine andere Krankheit. Wie alle geistigen Vor- gänge, die Tätigkeit der Sinne, Freude und Schmerz. Träume und Angstvorstellungen, Sinnestäuschungen und Wahnsinnserscheinungen stamme sie aus dem Gehirn und


