Aufsatz 
Zur Auffassung und Darstellung des Wahnsinns im klassischen Altertum
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

früheren allgemein gehaltenen, mythisch eingekleideten, typisch stilisierten Darstellung haben wir hier geradezu das klinische Bild, das Euripides mit großer Sach- kenntnis und Wahrheitstreue, fast mit den Fachkenntnissen eines Arztesoder Natur- forschers veranschaulicht. Die Vs. 922 f. geschilderten Veränderungen in den Gesichtszügen, dem Blick, der Schaum vor dem Munde, das eigenartige Lachen sind der Wirklichkeit aufmerksam abgelauscht.

Khnliche Beobachtungen machen wir in denBac- chen des Euripides, dem einzigen Stück(außer dem ver- lorenen Phaethon), in dem das Gebiet der Göttersage be- rührt wird. Während ganz Theben dem mystischen Gott Dionysos, der auf seinem siegreichen Welteroberungszuge die Stadt berührt, in wilder Begeisterung zujubelt, kämpft der König Pentheus allein gegen die Wunderkraft des Gottes an und überfällt mit Heeresmacht den Zug der Ver- ehrer. Aber der Gott betört seinen Geist und macht ihn völlig sinnverwirrt, so daß er zwei Sonnen bemerkt, auch Theben doppelt und auf dem Haupte seines Führers ein Hörnerpaar sieht(Vs. 918 f.). Khnlich realistisch wird der Wahnsinn des Muttermörders Orestes in drei Dramen des Euripides gezeichnet. In derElektra vollführt der von der Gottheit angeregte Rächer in kalter Berechnung die blutige Tat, ohne zunächst ein Gefühl der eigenen Schuld zu bekommen. Die Dioskuren, die zum Schluß ver- söhnend erscheinen, stellen wohl(Vs. 1254 f., 1343) die von den Furien drohenden Gefahren dar, geben aber auch zu- gleich das sichere Mittel zur Sühnung der Schuld in Athen. Der von Aschylus her bekannte Stoff wird so gelegentlich angedeutet, aber in dem Stücke selbst nicht zur Darstellung gebracht. ImOrestes dagegen hat der Titelheld Wahnsinnserscheinungen; aber wie der Dichter den gan- zen Stoff aus der stolzen Höhe der AXschyleischen Ge- staltung ins Gemeine und Niedrige herabzieht ähnlich schon z. T. in derElektra, so hat er die Verfolgung des Mörders durch die Erinyen in dem Geiste der Auf- klärung in einen Zustand pathologischer Verwirrung um- gedeutet(Vs. 34 ff.). Die Gestalten der Rachegeister sind nur krankhafte Vorstellungen im Hirn des Orestes, denen keine Spur greifbarer Wirklichkeit zukommt. Noch stär- ker ist das Psychopathische in derIphigenie bei den Tauriern herausgearbeitet. Die Schilderung, die Vs. 281 f. der Hirte von dem Gebaren des Orestes ent- wirft, wie er wild sein Haupt schüttelt, laut aufseufzt, an Arm und Händen zitternd tobt, wie er Feuer schnaubende Hadesnattern zu sehen glaubt, sich dann mit dem Schwert auf die Herde stürzt, in Krämpfen mit Schaum vor dem Munde zusammenstürzt, entspricht dem klinischen Bilde