Aufsatz 
Zur Auffassung und Darstellung des Wahnsinns im klassischen Altertum
Entstehung
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verführen, indem sie ihm mit heimlichen Liebesanträgen nahte. Aber er weist ihre verbrecherischen Werbungen zurück und muß nun durch die gehässigen Verleumdungen des wegen verschmähter Liebe grollenden Weibes wie Joseph durch Potiphars Weib, Hippolytos durch Phaidra, Wielands Hüon durch Almansaris, ein beliebtes Sagen- motiv! heimtückische Verfolgung mit unerhörter An- spannung aller Kräfte in endlosem, fast übermenschlichem Ringen erdulden. Auch der Zwang des verwandtschaft- lichen Verkehrs mit einem der Männer, die ihm teuflisch nach dem Leben getrachtet hatten, und zuletzt auch der Verlust zweier Kinder, das alles sind Schicksalsschläge, wie sie wohl einen Menschen schwermütig machen können. Der Dichter aber, der uns den Bellerophontes als Irren vorführt, hat dessen Lebensgeschichte in Anlehnung an ein wirklich erlebtes Beispiel eines durch schwere Schick- salsschläge irrsinnig gewordenen Menschen ausgemalt und dadurch für uns die Entstehung der Krankheit verständ- lich gemacht, die er selbst in Verkennung des ursächlichen Zusammenhangs dem ganz unbegründeten Hasse der Göt- ter zuschreibt.

Eine etwas andere Rolle spielt das epidemische Ergriffensein ganzer Bevölkerungsmassen durch Diony- sos, von der sich auch bei Homer Beispiele finden. In der Ilias(VI, 132) wird von Lykurgos erzählt, der des schwärmenden Dionysos pflegende Frauen mit dem Stachel geschlagen habe, aber danach, den Göttern ver- haßt, von Zeus geblendet worden und bald gestorben sei. Hier sehenwir zum erstenmal die den Dionysos begleitenden Mänaden, die Bacchantinnen, an die auch II. XXII, 460 er- innert wird, wo Andromache bei der Klage der Hekabe einer Mänade vergleichbar aus dem Gemache eilt. Xhn- liche mänadische Ergriffenheit wurde(nach Apollodoros 2, 2, 2) von den Töchtern des Proitos(II. VI, 160) erzählt, die die Weihen des Dionysos verachtet hätten und dafür mit fürchterlicher Raserei bestraft worden seien. Bei Homer selbst findet sich keine Andeutung darüber, eben- sowenig wie von dem Wahnsinn des Orestes und Alkmäon.

Auch bei HERODOT haben wir Beispiele von Nerven- und Geisteskrankheiten. So hören wir(IV, 187) von Krämpfen, die sich bei Kindern der Libyer einstellen und nach einem vielverbreiteten Aberglauben durch Be- sprengen mit dem Harn eines Ziegenbocks geheilt werden. Eine besondere Rolle spielen die epileptischen Krämpfe, die man im Altertum für Geisteskrankheit ansah und als heilige Krankheit(iept voõνς.) bezeichnete. An dieser Krankheit soll der grausame Perserkönig Kambyses ge- litten haben. Recht viele Symptome eines geistig zer-