jemand handelt oder redet, wie man es normalerweise von einem Menschen nicht begreifen kann, erscheint er als Sσά⁶ννιαοε, von einem Dämon besessen. Deshalb ist die Über- setzung dieses Wortes so schwierig, da es in allen Farben- tönungen schillert von„wahnwitzig“(IV, 31),„Närrchen“ (VI, 486) bis zu dem abgeblaßten:„Ich begreife dich nicht, du bis ja sonderbar“ usw. Wie die Dichtung überhaupt Schuld und Vergehen des Helden uns menschlich näher bringen, die größere Hälfte davon den Sternen, dem wid- rigen Schicksal zuschreiben möchte, so zeigt uns Homer, wie der Gedanke, der Plan durch fremde Eingebung ge- kommen ist, aber er nimmt dem sündigen Menschen nicht die Verantwortung für die Tat, die sein eigenes Werk, sein freier Entschluß bleibt. Wie Schiller in der„Braut von Messina“ das hereinbrechende Verderben als ein un- entrinnbares darstellt, aber doch überall die Schuld als „der Ubel größtes“ hervorhebt, so wechselt bei Homer die Betonung der beeinflußten mit der der freiwilligen Tat; man vergleiche nur Od. 19, 571 mit 21, 1, XII 292 mit 307. Das große Problem, wie der Mensch als Glied in der Welt der Erscheinungen dem Gesetze der Kausalität unter- worfen und von außen abhängig und beeinflußbar, da- neben aber als intelligibler Charakter, als Teil des Ideen- reiches mit Willensfreiheit ausgestattet sein kann, jenes unlösbare Rätsel, das in fast allen späteren philosophi- schen Systemen die größte Rolle spielt, zeigt sich hier bereits in den ersten Stufen der Entwicklung. Darin liegt eben das kulturgeschichtlich Wertvolle der Homerlektüre, das Ringen des menschlichen Geistes mit den wunderbaren Erscheinungen des Natur- und Menschenlebens zu er- fassen, zu deren Erklärung bei dem Fehlen naturwissen- schaftlicher oder psychologischer Methoden das mythische Denken einzutreten pflegte.
Für diese Beobachtung gibt der erste in der Literatur vorkommende Fall von Melancholie ein vorzügliches Beispiel. Im sechsten Gesange der Ilias(Vs. 155 ff.) er- zählt Glaukos dem Diomedes von dem schrecklichen Schicksal seines Ahnherrn Bellerophontes, der zum Schlusse gramvollen Herzens umherirrte und seinen Mit- menschen auswich(Vs. 200). Wenn der Dichter als Grund des Leidens anführt, daß der Kranke„den Himmlischen allen verhaßt geworden“ sei, so ist es auffallend, daß er nicht wie häufig in ähnlichen Fällen auch die Ursache des Götterzornes angibt. Der völlig unbegründete Haß der Götter macht daher den Eindruck einer reinen Ver- legenheitserklärung. Und doch erscheint dem Kenner des Seelenlebens der Trübsinn ausreichend aus dem Lebensschicksal des Mannes erklärlich zu sein. Des Königs Proitos Weib Anteia suchte den blühenden Jüngling zu


