in den„Leiden des jungen Werthers“, I. Buch, Brief vom 12. August, bekennt er:„Ach ihr vernünftigen Leutel rief ich lächelnd aus. Leidenschaft! Trunkenheit! Wahn- sinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnahme da, ihr sittlichen Menschen! scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei, wie der Priester, und dankt Gott, wie der Pharisäer, daß er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken ge- wesen, meine Leidenschaften waren nie weit vom Wahn- sinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in meinem Maße begreifen lernen, wie man alle außerordentlichen Menschen, die etwas Großes, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige aus- schreien mußte.“
In einer Art instinktiver Erkenntnis dieser Zusammen- hänge traten von jeher die Naaturvölker— wie auch noch die heutigen— den Geisteskranken mit einer ge- wissen heiligen Scheu gegenüber. Sie haben es dort weit besser als in den Pflanzstätten der Kultur. Sie werden meist gut gepflegt und versorgt, oft sogar als heilig an- gesehen. Xhnliche Verhältnisse werden wir auch für die Urzeit des griechischen Volkes voraussetzen dürfen.
Beim Beginn einer schriftlichen Überlieferung finden wir bereits zahlreiche Erzählungen von Geisteskranken. Recht lehrreiche Fälle bieten uns die Gedichte HOMERS. Hier wird alles natürliche Geschehen sorgfältig beobach- tet, in der vorphilosophischen Art des noch mehr mysti- schen Denkens verarbeitet. Die Ursachen der Verände- rung werden, soweit es mit den Mitteln der damaligen Zeit möglich war, ohne grüblerische Voreingenommenheit er- kannt. Was darüber hinausgeht, wird auf das Walten un- sichtbarer, höherer Wesen zurückgeführt. Wer eine Kunst in besonderem Maße beherrscht, wer weit über den Durch- schnitt hinaus klug oder tapfer ist. der verdankt es der gnädigen Unterstützung der Götter. Daß Menschen durch Verletzungen getötet oder durch innere Krankheiten, deren Symptome äußerlich deutlich erkennbar sind, hin- weggerafft werden können, ist eine Erfahrungstatsache, mit der sich das Zeitalter Homers längst abgefunden hat. Wenn aber ein Mensch ohne vorausgegangene Krankheit plötzlich zusammenbricht, dann regt sich das Bedürfnis, eine verständliche ursächliche Verbindung für das unver- ständliche Geschehen zu suchen. Vielleicht in Anlehnung an die Naturbeobachtung, daß der Blitzstrahl, die sicht- bare Waffe des Zeus, den plötzlichen Tod eines Menschen verursacht hat, entsteht die Vorstellung von den unsicht- baren Pfeilen des Apollo, die den Männern, oder der Artemis, die den Frauen plötzlichen Tod bringen(vgl. Ilias I, 43;


