Aufsatz 
Zur Auffassung und Darstellung des Wahnsinns im klassischen Altertum
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Die geistigen Kräfte, die sich als Denken, Fühlen und Wollen unterscheiden lassen, sind der gesamten Gattung der Menschen eigentümlich. Das natürliche, meist ur- wüchsige Verhalten der Gesamtheit mochte in ältester Zeit nur ein geringes Maß von eigenartig sich auslebender Persönlichkeit hervorbringen. Um so mehr mußten die iiber den Durchschnitt hinausgehenden Förderungen und Hemmungen des geistigen Lebens auffallen. Daß ein Mensch in übernatürlicher Verzückung, erhaben über den Lärm des Alltags, sich zum Liede aufschwingt oder anderen Betätigungen überragender Begeisterung hingibt, erscheint dem Naturmenschen eben- so seltsam und wunderbar wie die Erscheinung, daß ein anderer, dem der klare Blick für die Wirklichkeit in krankhafter Aufregung verloren gegangen ist, in Wahn- sinn und Raserei verfällt. Für alles aber, was er nicht erklären kann, bringt der Mensch dieser Bildungsstufe das Eingreifen der Götter als Erklärungsgrund herbei. Man bezeichnet beide Erscheinungen, die man auf denselben Ursprung zurückführt, sogar mit den nämlichen oder ver- wandten Wörtern. Die Grundbedeutung von àlαwννοαα ist rasen, zu Haviadie Raserei, der Wahnsinn; aber ldvri ist der gottbegnadete Sänger und Seher. Der Römer bezeichnet den gottbegeisterten Dichter als uates: das vielleicht(nach Kluge) aus dem keltischen entlehnte Wort ist urverwandt mit dem gotischen wödsbesessen. geisteskrank, das nhd.Wut wüten entspricht. Beide gehen(ebenso wie angelsächsisch‚Stimme, Gesang', altisländisch ödr‚Poesie, Gesang und der altdeutsche Göttername‚Wuotan vgl. Walde) auf die Sanskrit- wurzel vat zurück, die ‚geistig belebt, innerlich angeregt sein' bedeutet. Man vergleiche die von Dämonen beein- flußten‚Besessenen' der Heiligen Schrift(z. B. Matth. 12. 43; Marc. 3, 11; 5, 7 ff; 9, 14 ff) und die Tatsache, daß das hebräische Wort fürverrückt meschug an einigen Stellen(2. Kön. 9, 11 und Jerem. 29, 26) der Bedeutung Prophet' nahesteht. Und wenn Horaz(Od. III, 4, 5) von amabilis insania spricht, wenn Shakespeare(Som- mernachtstraum V, 1) die Worte prägt:Des Dichters Aug', in schönem Wahnsinn rollend, so stehen beide der dargestellten Auffassung noch recht nahe. Was schon Homer(Odyss. 22, 344 f.) empfindet, was Schiller in den Kranichen des Ibykus' deutlich ausspricht, daß die Gott- heit, daß Apoll dem Dichter ‚des Gesanges Gabe, der Lieder sißen Mund schenkte, die Verbindung von genialer. gött- licher Ergriffenheit und Wahnsinn hat keiner deutlicher ausgesprochen als Goethe.Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide läßt er seinen Torquato Tasso(V, 5) sagen, und