Aufsatz 
Zur Erklärung einiger Ausdrücke in unsern Ausgaben der Luther'schen Bibelübersetzung / vom Oberlehrer [d.i. Friedrich August Finger ]
Entstehung
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An unſerer Stelle nun ſteht im Griechiſchen eine Form des Verbs u*εμρναάν Dieſes Verb hat gleichfalls beide Bedeutungen, vorherrſchend aber doch die zweite.*) Und ſo auch hier. Der Sinn iſt folgender: Wenn ihr, eurer Pflicht gemäß, die euch nach göttlicher Anordnung auferlegt iſt, tren und eifrig das Eure thut(dies iſt nicht ausgeſpro chen, aber verſtanden), dann ſeid nicht ängſtlich beſorgt darum,**) ob auch eure Bemühungen den gewünſchten Erfolg haben.

Für die unmittelbar darauf folgenden Worte(Iſt nicht das Leben mehr denn die Speiſe, und der Leib mehr denn die Kleidung?) können wir vollſtändig Lisco's Erklärung annehmen: Wer das Größere gibt, Leben und Leib, kann auch das Geringere geben, und wer den Zweck will, wird uns auch die Mittel dazu darreichen: Speiſe und Kleidung. Müſſen wir nun Gott die Sorge für das Wichtigere überlaſſen, ſo noch mehr für das Geringere. Auch die Hinweiſung auf die Vögel unter dem Himmel(Vs. 26:ſie ſäen nicht, ſie ernten nicht, ſie ſammeln nicht in die Scheunen, und euer himmliſcher Vater nähret ſie doch) widerſpricht dem Geſagten keineswegs. Auch ſie ſind, auf ihre Weiſe, thätig, um ihre Nahrung zu erlangen; dabei aber haben ſie keine ängſtliche Sorge. Gott nun, der ſie bei ihrer Thätigkeit ihre Nahrung finden läßt, wird um ſo viel mehr auch euch die eure bei eurer Thätigkeit finden laſſen. Bei der Erklärung von Vs. 26 ſagt Dinter warnend:Jeſus ſpricht nicht etwa der Trägheit das Wort.

Daß unſere Stelle, wie jedes in menſchlicher Sprache geſprochene Wort,***) falſch verſtanden werden könne, iſt nicht auffallend. Wir finden, wenn ich nicht irre, ſchon in der apoſtoliſchen Zeit Spuren ſolches Mißverſtehens derſelben. Im zweiten Briefe an die Theſſalonicher(3, 10 12) ſagt Paulus:Da wir bei euch waren, geboten wir euch ein Solches, daß, ſo jemand nicht will arbeiten, der ſoll auch nicht eſſen. Denn wir hören, daß Etliche unter euch wandeln unordentlich, arbeiten nichts, ſondern treiben Vorwitz(·εομερμαμνομιμνονα). Solchen aber gebieten wir, und er⸗ mahnen ſie, durch unſern Herrn Jeſum Chriſt, daß ſie mit ſtillem Weſen arbeiten und ihr eigen Brot eſſen. Es mögen das wohl Leute geweſen ſein, die, unſere Stelle und audere Ausſprüche des Herrn falſch verſtehend, meinten heiliger zu leben, wenn ſie nichts arbeiteten, die dann natürlich ſich um Dinge kümmerten und ſich in Verhältniſſe einmiſchten, die ſie nichts angingen, und die dabei noch den Anſpruch erhoben, von den Andern, den Arbeitenden, ernährt zu werden. Auch in ſpäterer Zeit noch hat es ſolche Leute gegeben. Sie handeln nicht nach Chriſti Sinn und Wort.

In unſerm Kapitel kommt das Wort ſorgen noch Vs. 27. 28. 31. 34 vor(ebenſo Luk. 12, 25. 26); überall in derſelben Bedeutung, nur beim zweitenmale in Vs. 34(der morgende Tag wird für das Seine ſorgen) iſt doch auch eine Thätigkeit verlangt.)

Matth. 10) ſpricht Jeſus zu ſeinen Jüngern über ihren künftigen Wirkungskreis. Vs. 19 ſagt er:Und man wird euch vor Fürſten und Könige führen um meinetwillen, zum Zeugniß

*) In der erſten Bedeutung gebraucht der Grieche eher Formen von ueãerxy oder e⁵³εν. Das lat. cura, curare hat beide Bedeutungen, die zweite z. B. bei Horaz, wo(Od. II, 16 u. III, 1) die Sorge(cura) mit zu Schiffe und zu Pferde ſteigt; in der zweiten wird vorzugsweiſe sollicitudo gebraucht. Im Franzöſiſchen ſteht in der erſten eher soin, in der zweiten souci; im Engliſchen in der erſten eher care, der zweiten verwandt iſt sorrow.

*) V.: ne solliciti sitis. F.: ne soyez point en souci. E.: take no thought for your life. A.: ſorget nicht ängſtlich für euer Leben. ***)Spricht die Seele, ſo ſpricht, ach! ſchon die Seele nicht mehr. Schiller. ) F.: Ne soyez donc point en souci pour le lendemain; car le lendemain aura soin de ce qui le regarde. ††) Vgl. Mark. 13, 11; Luk. 12, 11; 21, 14.