Aufsatz 
Zur Erklärung einiger Ausdrücke in unsern Ausgaben der Luther'schen Bibelübersetzung / vom Oberlehrer [d.i. Friedrich August Finger ]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

- 19

gar kein innerer entſpricht. So ſteht in der Didaskalia vom 18. Febr. d. J.(aus der Neuen freien Preſſe) über den am 8. Februar geſtorbenen berühmten Maler M. v. Schwind:Er war produktiv und fleißig wie Alle, denen künſtleriſches Schaffen Bedürfniß des Geiſtes, nicht Amtsberuf iſt. Wenn dagegen Schiller die Jungfrau von Orleans klagen läßt:Mußteſt du ihn auf mich laden, dieſen furchtbaren Beruf; oder wenn er von der Glocke ſagt:Und dies ſei fortan ihr Beruf, wozu der Meiſter ſie erſchuf: ſo klingt hier die urſprüngliche, tiefere Bedeutung klar durch.

Zu einer ähnlichen Bemerkung über die Tiefe der deutſchen Sprache veranlaßt der Gebrauch des Wortes Gabe für Naturanlage, Talent. Unſere vom Chriſtenthum durchdrungene Sprache bezeichnet die Naturanlage der Menſchen als nicht nur urſprünglich ihnen angeboren oder in ſie eingepflanzt (wie Puous, indoles, ingenium), ſondern als von Gott ihnen gegeben.*) Das franz. don und das engl. gift(gifts) werden nicht ſo häufig wie unſer deutſches Wort in dieſem Sinne gebraucht. Für die Entſtehung oder Verbreitung dieſes Gebrauchs des Wortes Gabe iſt vielleicht 1. Kor. 12 von Wich⸗ tigkeit. Im erſten Verſe(Von den geiſtlichen Gaben aber will ich euch, lieben Brüder, nicht ver⸗ halten) ſteht im Griechiſchen für unſer Wort gar kein Subſtantiv; es heißt nur: epl r5 rvεnr v.**) Vers 9. 28. 30. 31 finden wir aαοαααα, Gnadengaben. Zu vergleichen iſt etwa auch Jak. 1, 17(Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab u. ſ. w.), wo der Grundtext und οꝙμαα qh·hat.

Doch wir dürfen uns durch dieſe höchſt anziehende Betrachtung des Einfluſſes, den das Chriſtenthum auf unſere deutſche Sprache gehabt hat, nicht zu weit von unſerm Gegenſtande ab⸗ ziehen laſſen.

Sorgen, Sorge.

In der Bergpredigt(Matth. 6, 25; ähnlich Luk. 12, 22) ſagt Jeſus:Sorget nicht für euer Leben, was ihr eſſen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Man hat von dieſer und ähnlichen Stellen her dem Chriſtenthume zum Vorwurfe gemacht, es lehre, die äußeren Geſchäfte des Lebens, die doch auch durchaus nothwendig ſeien, gering zu achten und zu vernachläſſigen. Eine ſolche Lehre iſt aber weder in dieſer Stelle noch in den anderen, die wir zu betrachten haben, enthalten. Von dieſen äußeren Geſchäften ſpricht Jeſus gar nicht; wie ſie zu führen ſeien, dazu gibt er weder hier noch ſonſt irgendwo Anweiſung; denn dazu war er ja nicht gekommen. Daß er ſie für nothwendig halte, brauchte er gar nicht zu ſagen; das verſtand ſich ja von ſelbſt; und ſie mit Umſicht und Klugheit zu führen, dazu brauchten die Menſchen ſeine Be⸗ lehrung nicht. Übrigens deutet er wohl einmal beiläufig(Luk. 14, 28) billigend an, wer einen Thurm baue, berechne vorher die Koſten.

Daß das Wort, welches einſtens dem Adam geſagt war:Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen, aufgehoben ſei, ſagt er nirgends. Er will in der ganzen Bergpredigt keine Anweiſung über Äußeres geben, ſondern ſagen, welches der rechte Sinn ſei, in dem wir unſer ganzes Leben in allen ſeinen Verhältniſſen führen ſollen. So ſagt er Kap. 6 Vers 33:Trachtet am erſten nach dem Reiche Gottes und nach ſeiner Gerechtigkeit. Daß damit nicht geſagt ſei, man

*) Einigermaßen nahe kommen die Stoiker. So ſagt Epiktet(15):Sage nie von irgend etwas: Ich habe es verloren; ſondern: Ich habe es zurückgegeben. Iſt dein Kind geſtorben? Es iſt zurückgegeben. *) V.: de spiritualibus. F.: dons spirituels. E.: spiritual gifts. A.: Geiſtesgaben. 7 1 Ausgseoleden Universttétsbothek

. Malnz