Aufsatz 
Zur Erklärung einiger Ausdrücke in unsern Ausgaben der Luther'schen Bibelübersetzung / vom Oberlehrer [d.i. Friedrich August Finger ]
Entstehung
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Phil. 3, 14.Und(ich) jage nach, dem vorgeſteckten Ziele nach, dem Kleinod, welches vor⸗ hält die himmliſche Berufung Gottes in Chriſto Jeſu. Der Heidenapoſtel Paulus vergleicht hier, wie öfters(1. Kor. 9, 24 27; 2. Tim. 4, 78; vielleicht auch 1. Tim. 6, 1112), den Chriſten mit einem bei den griechiſchen Kampfſpielen nach dem Ziele Laufenden. Gott, ſagt er, hat mich durch Chriſtus Jeſus gerufen(berufen), nach dem vorgeſteckten Ziele zu laufen; dies thue ich, in der Hoffnung, den Kampfpreis(das Kleinod) zu erlangen.

2. Theſſ. 1, 11.Derhalben beten wir auch allezeit für euch, daß unſer Gott euch würdig mache des Berufs, d. h. daß er euch Kraft gebe, des Rufs, mit dem er euch gerufen hat, euch durch euer Leben würdig zu erweiſen.

2. Tim. 1, 9(Gottes)der uns hat ſelig gemacht, und berufen mit einem heiligen Ruf. Das griechiſche Wort, das Luther hier durch Ruf verdeutſcht, iſt ganz dasſelbe, das er an ſo vielen Stellen durch Beruf überſetzt.

2. Petr. 1, 10.Darum, lieben Brüder, thut deſto mehr Fleiß, euren Beruf und Erwählung feſt zu machen.

Bereits Vs. 3 war denjenigen, an welche dieſer Brief gerichtet iſt, geſagt worden, Gott habe ſie gerufen(berufen); ſie waren(Vs. 5 7) ermahnt worden, ihren Glauben auch durch Tugend⸗ erweiſungen zu bewähren. Von wem dies nicht geſchehe(Bs. 2), der ſei blind und tappe im Finſtern und vergeſſe die Reinigung ſeiner vorigen Sünden. Nun werden ſie in unſerm Verſe nochmals er⸗ mahnt, mit allem Fleiß zu ſorgen,*) daß der an ſie ergangene Ruf ſich als ein feſter, nicht vergeblicher erweiſe.Denn wo ihr ſolches thut, fährt der Verfaſſer des Briefes fort,werdet ihr nicht ſtraucheln.

Aus der Betrachtung aller dieſer Stellen ergibt ſich, glaube ich, klar, daß das Wort Beruf im N. T. überall ſo viel bedeutet wie Ruf, namentlich Ruf Gottes, der an die Menſchen ergeht; daß es dagegen hier nirgenoͤs in dem Sinne zu faſſen iſt, den es jetzt gewöhnlich hat, daß es nirgends von der Thätigkeit im bürgerlichen Leben, von dem nach Anordnung von Menſchen übernommenen Amte, von dem Geſchäfte, das jemand als Erwerbsmittel gewählt hat, zu verſtehen iſt.

Übrigens iſt es, wie wir hier nicht unterlaſſen können zu bemerken, ein ſchönes Zeugniß für die Tiefe und Geiſtigkeit unſerer deutſchen Sprache, daß ſie das gewählte Geſchäft, das übernommene Amt den Beruf eines Menſchen nennt. Die Sprache zeigt dadurch an, daß ſie dies freiwillig Ge⸗ wählte oder Übernommene als Folge eines höheren, nicht bloß menſchlichen Rufes, als Folgeleiſtung einer göttlichen Berufung anſieht. Die alten Sprachen haben kein unſerem Beruf in dieſer tiefen Bedeutung entſprechendes Wort.**) Wir glauben nicht zu irren, wenn wir ſagen, daß nur ein chriſtliches Volk unſerm Worte Beruf die Bedeutung, die jetzt bei uns die gewöhnliche iſt, geben konnte. F. vocation, E. calling, Ital. vocazione werden manchmal in ähnlichem Sinne gebraucht, aber doch nicht ſo im ganz gewöhnlichen Leben, wie unſer herrliches deutſches Wort Beruf. Wird dieſes ja ſogar manchmal für ſolche Fälle gebraucht(wir möchten ſagen: mißbraucht), wo dem äußern Rufe

*) V. ſetzt hier zu:per bona opera; ebenſo, ihr folgend, A.:durch gute Werke. Dieſe Worte ſtehen nicht im griechiſchen Grundtexte, ſie widerſprechen aber dem Zuſammenhange des Ganzen nicht; nur müſſen die Werke Früchte des Glaubens und der Liebe ſein.

**) Horaz nennt zu Anfang ſeiner erſten Satire den bürgerlichen Beruf sors, Loos(ein alter Erklärer dieſer Stelle führt als ähnlichbedeutend die Wörter propositum, professio, institutum vivendi auf); dieſes habe dem Menſchen entweder ſeine Überlegung(ratio) gegeben(dederit) oder der Zufall(fors) entgegengeworfen(objecerit).