— 9—
eigentlich das Stellholz in der Falle, an dem die Lockſpeiſe befeſtigt iſt, bedeutet, iſt in bildlichem Sinne in die neueren Sprachen(Skandal, F. scandale, E. scandal) übergegangen. Das Wort iſt wohl an unſerer Stelle ſowie an vielen andern neuteſtamentlichen dem Sinne nach auf das hebräiſche zurückzuführen, das in einer Verbalform(dem Piel) die Bedeutung hat: machen, daß jemand ſtrauchele, falle, und zwar ſowohl in eigentlichem als in bildlichem(ſittlichem) Sinne. Alſo wer da macht, daß ein Kind, ein ihm arglos vertrauendes, ſittlich zu Falle kommt; wer es— um ein anderes Bild zu gebrauchen — von dem guten Wege ablenkt und auf den Weg der Sünde führt: dem wäre beſſer, er würde ſogleich aus der Welt geſchafft, als daß er noch mehr ſolches Unheil ſtiften und Seelen in das Verderben ſtürzen könnte. Wer in dieſem Sinne unſere Stelle betrachtet, wird nicht mehr denken können, das über einen ſolchen Menſchen ausgeſprochene Urtheil ſei zu hart. Wie Mancher hat ſchon einen Knaben, vielleicht einen jüngeren Bruder, leichtfertig auf den Weg der Sünde geſtellt; er hat nachher verſucht ihn wieder zurückzuführen; es iſt ihm natürlich nicht gelungen; er hat den Andern und ſich ſelbſt unſäglich unglücklich gemacht. Ihm wäre es beſſer geweſen, er wäre gleich nach der erſten Verführung aus der Welt genommen worden.
Indem Luther das betreffende Wort durch ärgern überſetzt, entkleidet er es von dem Bilde. ürgern heißt urſprünglich ärger machen, ſchlechter machen(vgl. Grimm's Wörterbuch). Dieſe Be⸗ deutung war zu Luther's Zeit die gewöhnliche; ſeine Überſetzung wurde damals ohne Zweifel allgemein richtig verſtanden. Noch von Lohenſtein(1635— 1683) führt Grimm an:
„dieſes weiſen knechtes güte,
die dich billig beſſern ſoll,
ärgert dein verſtockt gemüte.“*) Heutzutage bedarf das Wort einer Erklärung; ſie iſt hier gegeben. Wer zwar mit der Bibel auch nur einigermaßen bekannt iſt, dem werden ſogleich noch manche andere Stellen beifallen, in welchen ärgern gleichfalls nicht die jetzt gewöhnliche Bedeutung haben kann. So aus der Bergpredigt(Matth. 5, 29): „ürgert dich aber dein rechtes Auge, ſo reiß es aus und wirf es von dir. Es iſt dir beſſer, daß eines deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.(Ebenſo Matth. 5, 30, wo von der rechten Hand dasſelbe geſagt iſt, und Matth. 18, 8. 9.) Dieſe Stellen haben ſchon manches Bedenken erregt. Ohne Grund. Chriſtus, deſſen Ausſprüche geiſtig zu faſſen ſind, verlangt hier nicht die äußere That, die ſeine Worte zu bezeichnen ſcheinen; er verlangt, daß wir von dem, was uns ärgert, d. h. zum Böſen reizt, und ſei es uns ſo lieb wie unſer Auge oder unſere Hand, mit Gewalt, auch wenn es uns Schmerz koſtet, uns trennen. Recht ſchön ſagt Allioli in den Anmerkungen zu ſeiner Überſetzung:„Wenn dich etwas, das dir ſo lieb wie dein rechtes Auge oder deine rechte Hand iſt,... zur Sünde verleiten will, ſo trenne dich davon mit Gewalt; denn es iſt dir beſſer, ſelbſt den größten zeitlichen Verluſt zu haben, als ewig verdammt zu werden.“ Und in einer alten Erklärung, die Lisco anführt, heißt es:„Geiſtlich ausreißen iſt hie geboten, d. i. wenn die Augenluſt getödtet wird im Herzen und abgethan. Das äußere Dahingeben der Glieder würde nichts helfen, wenn die Luſt im Herzen bliebe.“
Betrachten wir nun zunächſt noch einige andere neuteſtamentliche Stellen.
Matth. 13 kommt Jeſus(vgl. Luk. 4) nach Nazareth und lehrt in der Schule. Die Be⸗
*) Aus noch ſpäterer Zeit iſt folgendes Beiſpiel:„Man verärgert ſich immer, wenn man in irgend einer böſen Gewohnheit... verharret“. Oſterwald, von denen Pflichten der Communicanten, überſ. v. Tiling, Bremen 1759. Mittlere Bürgerſchule. 2


