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genügen nicht, vom Knaben die Flut der Schundliteratur abzu- wehren; vielmehr bedarf es hierzu noch einer unermüdlichen, jahre- langen Kleinarbeit in der Anwendung zahlreicher Erziehungsmaß- regeln, um die dauernd drohende Gefahr dauernd von der Jugend abzuwehren. Die wichtigsten derselben, die zunächst für die unteren und mittleren Klassen der höheren Schule in betracht kommen, seien kurz genannt.
Hierzu gehört vor allem das in„den stillen Freunden unserer Jugend“ bereits erwähnte regelmäßige Vorlesen von Erzählungen, Beschreibungen u. a. m. durch den Lehrer im deutschen Unterrichte. Das Beste und Anregendste, dem Verständnis der jeweiligen Unter- richtsstufe Angepaßte wird nach sorgfältiger Vorbereitung den Schülern vorgetragen; das meist der Klassenbibliothek entnommene Buch, aus dem die Vorlesung genommen ist, wird dann genannt und zu kurzer Einprägung des Titels durch die Klasse herumgereicht. Der Schüler sieht das bisher oft nicht beachtete Buch mit ganz anderen Augen an; die Liebe zum Schönen läßt ihn bei nächster Gelegenheit um das Buch bitten, das bis dahin zuweilen zu den unbeachteten gehört hatte,„die niemand wollte“.
So bietet die Klassenbibliothek reiche Gelegenheit, das Inter- esse der Schüler an den guten Büchern zu pflegen. Die Benutzung derselben darf nun nicht schematisch geordnet sein:„alle 14 Tage“, „alle 4 Wochen“„Bücherverteilung“. Vielmehr ist es wünschens- wert, dieselbe zeitlich nach dem Lesebedürfnis des Schülers einzu- richten, sofern nicht Gesundheit und Veranlagung eine Beschränkung erfordern. Die weit verbreitete Einrichtung, die Klassenbibliothek in jeder Klasse unterzubringen, macht diese Verteilung für den Lehrer leicht und mühelos. Bei derselben müssen die individuellen Neigungen der einzelnen Schüler, wenn irgend möglich, streng be- rücksichtigt werden.
Diesem steten Hinweis auf gute Bücher und ihrer zwanglosen Verteilung muß eine aufmerksame Beobachtung der häuslichen Lektüre des Schülers dauernd zur Seite gehen. Auf eine Anregung des Lehrers hin bringen die Schüler auch gern die Bücher mit, welche sie an Festtagen, besonders am Weihnachtsfeste, geschenk- weise erhalten haben. Hierbei läßt der Lehrer nach voraufgegangener Empfehlung schöne und wertvolle Bücher durch die Klasse gehen, um den einzelnen Schülern einen Anhalt für etwaige Wünsche bei Bücheranschaffungen zu geben. Mit Zustimmung der Eltern können eine Reihe von solchen Büchern den Mitschülern geliehen werden, so daß eine willkommene Mannigfaltigkeit und zeitweise dauernde Vergrößerung der Klassenbibliothek erreicht wird.
Die Beobachtungen, welche Eltern und Lehrer über die Lek- türe der Knaben machen, müssen in häufiger Hussprache ausge- tauscht und gegenseitig zu nutze gemacht werden, sowohl im be- sonderen bei weiteren Bücheranschaffungen und dem weiteren Ver-


