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betreffen. In häufigem, ruhig-vertraulichem, durch die amtlich fest- gesetzte Sprechstunde nicht begrenzten Gespräch mit den Eltern wird er im Laufe der Zeit einen tiefen Blick in die Schülerpsuche und ihre ganze, sie beeinflussende häusliche Umgebung tun und so leichter sie von drohenden Abwegen fernhalten. Der Lehrer muß bedenken, daß er für die Eltern und Schüler da ist, nicht aber um- gekehrt. Dann wird er sich auch nicht mehr damit begnügen, in wenigen Worten Auskunft über die wissenschaftlichen Leistungen der Schüler zu geben, sondern versuchen, in eingehendem Gespräch die Veranlagung des Schülers, seine Neigungen, die ihn umgebenden Einflüsse nach Möglichkeit zu erfassen und den Knaben nach der erlangten Kenntnis individuell zu behandeln. Das Bestreben des Anstaltsleiters, die Schüler mehrere Jahre derselben Klassenleitung zu unterstellen, wird diese Bemühungen unterstützen.
Eine solche individuelle, gewissenhaft durchgeführte Behand- lung der Jugend wird sicherlich dazu beitragen, den„fortwährenden Ansturm der Eltern gegen die höheren Schulen“ ¹) zum Stillstand zu bringen, indem wir Lehrer das rückhaltlose Vertrauen der Eltern ge- winnen— und nicht nur dasjenige der Eltern, sondern vor allem auch das unserer Schüler. Ja, das Vertrauen unserer Jugend will erworben sein, und manch verschlossenes Knabenherz muß ernst erforscht und lange umworben werden, ehe es sich— uns zu köst-— lichem Lohn— vertrauend seinem Lehrer erschließt.
Haben wir aber einmal das Vertrauen unserer Schüler, so be- sitzen wir auch das Hauptmittel gegen die Einwirkung einer schlech- ten Lektüre: Der Knabe, der seinem Lehrer und Erzieher vertraut und ihm offenen Blickes, klaren Auges gegenübersteht, wird den wohlmeinenden Ermahnungen des Lehrers bei den Hinweisen des- selben auf schlechte und gute Lektüre sich nicht verstockt zeigen; er wird auch alle übrigen Bemühungen des Lehrers, seinen An- lagen und Neigungen bezüglich der Lektüre den rechten Weg zu weisen, kaum vereiteln.
Die oft große Schülerzahl in manchen Klassen legt zwar einer individuellen Behandlung des einzelnen Schülers viele Schwierig- keiten in den Weg, welche aber der mit warmem Herzen für die Jugend begeisterte Erzieher nach Möglichkeit und nicht ohne Er- folg überwindet.
Die aus einem innigen Verkehr von Haus und Schule erwach- sene Erkenntnis vom Charakter und der Veranlagung des Schülers, sowie die erwähnten allgemeinen Ermahnungen zu guter Lektüre
¹) Prof. Rein(Jena) in Nr. 20 des„Tag“ vom 24. Januar 1911:„Der Oberlehrer als Sündenbocke. Mit dankenswerter Offenhéeit erklärt Rein den Ansturm der Eltern auf die Schule in Erwiderung des oben S. 6 erwähnten Artikels in Nr. 13 des„Tag“; er sagt: Die Eltern sind nicht damit einverstanden, daß der Lehrer nur unterrichtet, sondern sie wünschen, daß er einen heilsamen Einfluß auf die Entwicklung der Jugend ausüben müsse, und zwar in möglichst engem Verein mit der Familie. Haus und Schule sollen zusammengehen, damit aus der Jugend etwas Tüchtiges werde! Es heißt den Oberlehrerstand geradezu herabsetzen, wenn man ihm nur die Rolle zuschiebt, der heranwachsenden Jugend ein gewisses Maß von Kenntnissen, so gut es eben geht, beizubringen. Das kann dann schließlich ein Phonograph besorgen!


