stadt mit seiner Schule außerhalb der täglichen Schulzeit hat, liegt allerdings die Gefahr sehr nahe, daß eine Klasse mehr oder weniger von der Schundliteratur durchseucht ist, ohne daß dem Klassenleiter ein greifbarer Beweis so bald in die Hände gelangt. In einer solchen vom Schunde angekränkelten Klasse droht nun in den Entwicklungs- jahren das weitere Verhängnis— wie es in dem von mir bespro- chenen Falle ja auch geschah,— daß durch das eine oder andere innerlich verdorbene Element, vor dessen Heimlichtuerei eine Schule sich nur sehr schwer schützen kann, die Schmutzliteratur in Wort und Bild Eingang findet.
Außerlich kann eine solche Klasse in allen ihren Gliedern un- verdorben erscheinen, wenn auch einzelne Schüler dem aufmerk- samen Erzieher zuweilen Rätsel aufgeben. Denn sind heranwach- sende Schüler einmal auf dieser schlimmen Bahn, dann entwickeln sie eine fast wunderbare Schlauheit, ihr Tun und Treiben unter harmloser Miene vor dem Lehrer und ihren gut erzogenen Mit- schülern zu verheimlichen. Vergebens fragt sich dann oft der im besten Falle täglich nur 1—2 Stunden in der Klasse erscheinende Lehrer: Woher bei anscheinend tadellosen Schülern ein gewisser verlorener Blick ins Weite, woher das scheue Wesen, die nervös zitternden Hände, das krankhafte, übernächtige Gesicht? Bei der schon erwähnten großen Schwierigkeit, die in der Großstadt nach allen Richtungen weithin zerstreuten Schüler auch außerhalb der Schulzeit zu beobachten, ist die Aufklärnug hierüber für den Lehrer sehr schwer und nur durch ein intensives, vertrauendes Zusammen- wirken von Schule und Haus zu erreichen.
In die Klasse, in welcher von der untersten Unterrichtsstufe 2 an ein vertrauender und steter Verkehr von Eltern und Klassenleiter Haus und Schule harmonisch geeint hat, verirrt sich kaum jemals ein Heft der elenden Schundware: Schon der Gedanke an die ge- meinsam um ihn sorgenden Eltern und Lehrer ist für den heran- wachsenden Knaben eine starke Schutzwehr, welche durch eine ständige gemeinsame Ueberwachung der häuslichen Lektüre durch jene treu behütet und gefestigt wird.
Voraussetzung für einen solchen fruchtbaren Bund zwischen Schule und Haus ist freilich, daß der Lehrer sich nicht auf seine vorgeschriebene Sprechstunde beschränkt; er darf sich nicht etwa in dieser Hinsicht als„Unterrichtsbeamten“ fühlen, wie es kürzlich in dem Aufsatze einer Tageszeitung ¹) beklagenswerter Weise ge- fordert wurde. Der Klassenleiter muß den Eltern der seiner Obhut anvertrauten Schüler jederzeit mit warmem Interesse zur Verfügung stehen in allen kleinen und großen Angelegenheiten, die seine Schüler
¹) In Nr. 13 des„Tag“ vom 15. Januar 1911:„Der Sündenbock“. Der Verfasser dieses Artikels hätte immerhin bedenken müssen, daß seine außergewöhnliche Ansicht nicht einmal in eine Fachzeitschrift, geschweige denn in eine verbreitete Tageszeitung gehörte. Bei Erörterung seiner seltsamen Anschauung in dem zustündigen Kreise seiner Amtsgenossen hätte er sich leicht von der völligen Unhaltbarkeit derselben überzeugen können. Denn die weitaus größte Zahl der Berufsgenossen trachtet in ehrlichem Streben darnach, dem Ideal eines guten Erziehers nahezukommen.
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