Aufsatz 
Höhere Schulen und Schundliteratur. Erzieher-Sorgen und -Streben
Entstehung
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Ernster liegt naturgemäß die Sache bei den Verführern: Sie haben das Eindringen in das Schulgebäude in seinen Einzelheiten ausgedacht, sie haben die wiederholte Ausführung sorgfältig und planmäßig in die Wege geleitet, sie haben den Nachschlüssel herbei- geschafft, sie haben Eigentum der Schule entwendet, es versteckt oder verkauft, sie haben für ihre Zwecke brauchbare Mitschüler zur Beteiligung an ihrem Eindringen verführt.

Wie kamen diese Schüler dazu, Eltern, Erziehung, Ehre und Zukunft ihrer selbst und der verführten Mitschüler in leichtfertigem Tun zu vergessen? Die eingehend geführte Untersuchung hat be- stätigt, daß die Lektüre von Schundliteratur die Schüler in ihrem leichtsinnigen Vorgehen wesentlich beeinflußt hat. Ausgeliefert wur- den der Schule zwei Bände dieser Schundliteratur und zwar aus dem Besitze des Hauptbeteiligten:Erlebnisse des Detektiv Franke, 1. Band:Totentanz und 4. Band:Verbrecherkönig Clifford. Beide Bändchen gehören zu den in meiner AbhandlungDie stillen Freunde unserer Jugend ¹) eingehend gekennzeichneten Detektiv- geschichten der Schundliteratur an und malen eindringlich und treffend aus den Reiz des nächtlichen Einsteigens auf ungewöhn- lichem Wege, das Oeffnen von Türen und Schränken mit nachge- machten Schlüsseln, das Mitnehmen von Blendlaternen, den Dieb- stahl begehrter und interessanter Dinge u. a.

Die Schundliteratur mit ihren oft schlüpfrigen und pi- kanten Schilderungen führt die ihr Verfallenen leicht zur Schmutzliteratur. So förderte auch in diesem beklagenswer- ten Falle die Untersuchung klar zu Tage, daß die Haupttäter schon zu sittlich recht anstößigen französischen illustrierten Witzblättern gegriffen hatten und durch die Lektüre derselben in ihren sittlichen Anschauungen arg verdorben waren. Dazu kam dann noch, daß den Hauptbeteiligten von dem Elternhaus ein zu großes Maß von Bewegungsfreiheit außerhalb der Schulzeit gestattet wurde. Auf diese Weise konnte der mit Lektüre von Schundliteratur betretene Weg in dem so ernsten Abenteuer enden, welches wir oben geschil- dert haben.

Hier könnte und muß man fragen: Hat denn die Schule das Ihrige getan, um diesen verhängnisvollen Lauf der Dinge aufzu- halten oder zu verhindern?

Die Anstalt, welcher die Schüler angehörten, wurde durch die Verfehlung der Schüler und ihren letzten Grund um so mehr betrübt, als sie den Kampf gegen die Schundliteratur seit mehreren Jahren mit besonderem Nachdruck führt. Wiederholt hat sie in ihren Schulprogrammen die Eltern auf diese schlechte Lek- türe hingewiesen und vor ihren großen Gefahren für Erziehung und Studium gewarnt. Im Herbste 1908 klärte sie die Eltern ihrer Schüler in einem sehr zahlreich besuchten Elternabend ein-

) Programm-Beilage der Liebig-Realschule, Frankfurt a. M. 1909.