Aufsatz 
Posener Märchen. Ein Beitrag zur Heimat- und Volkskunde der Provinz Posen
Entstehung
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Geiger, der Jude habe ihm das Geld dafür gegeben, daß er den Vogel totgeſchoſſen habe, und er habe weiter nichts getan als auf ſeiner Geige geſpielt, aber man ſchenkte ihm keinen Glauben; vielmehr erregte der zerſchundene und zerlumpte Jude bei allen Mitleid. Bevor nun der Geiger das Gerüſt beſtieg, erbat er ſich als letzte Gnade, daß man ihn vor ſeinem Tode noch einmal ſeine Geige ſpielen laſſe und daß der Jude bei ſeiner Hinrichtung zugegen ſei.

Doch der Jude wollte der Hinrichtung durchaus nicht beiwohnen, und erſt recht nicht, als er gehört hatte, daß man dem Geiger erlaubt habe, vor ſeinem Code auf der Geige zu ſpielen. Als man ihm jedoch erklärte, das gehe nicht anders, da erſchien er; aber er ließ ſich an einem nahen Zaun feſtbinden. Der Geiger nahm ſeine Geige und begann zu ſpielen. Da tanzte plötzlich alles los, die Richter, die Prieſter, die Damen und die ganze Menge, die der Hinrichtung bei⸗ wohnen wollte. Der Jude, der am Faun feſtgebunden war, ſprang trotz der Bande bald auf den Faun, bald auf die eine, bald auf die andre Seite desſelben, und das ging immer raſcher, bis er zuletzt nicht mehr konnte. Da rief er den Richtern zu, er habe falſch geſchworen; er habe dem Geiger das Geld gegeben, und der ſolle aufhören zu ſpielen. Aber der Geiger ſpielte immer weiter. Da ſah denn das Volk ein, daß der Geiger das Recht auf ſeiner Seite habe, und als dieſer nun mit dem Spielen aufhörte, da ſtürzte ſich die erregte Menge auf den Juden, um ihn zu hängen. Doch als ſie ihn vom Faun losbinden wollten, war er ſchon tot.

Aus Brudzyn, mitgeteilt durch Herrn Lehrer A. Szulczewski; polniſche Quelle. Doch geht das Märchen trotz einiger Abweichungen wohl auf Grimm, Kinder⸗ und Hausmärchen Nr. 110(Der Jude im Dorn) zurück. Der Herr Jeſus, der in polniſchen Sagen und Märchen vielfach an die Stelle anderer Geſtalten tritt, der zur Probe geſchoſſene HBirſch, der von ſelbſt ſchießende Stock ſind neu. Eine pommerſche Erzählung*) weiß von einem jüdiſchen Händler zu berichten, dem ſich, während er durch einen Wald geht, ein Wolf nähert. In ſeiner Angſt erhebt der Mann ſeinen Stock und legt auf den Wolf an, als wolle er ihn erſchießen. In dem⸗ ſelben Augenblick kracht ein Schuß. HBinter einem Gebüſch verſteckt hat ein Jäger geſtanden, der den Wolf niedergeſtreckt hat. Der Bändler iſt vor Schreck niedergefallen; als er ſich wieder erhoben, glaubt er, ſein Stock habe den Wolf erſchoſſen, und er ruft:Bab ich doch nicht gewußt, daß der Stock geladen war! Ahnliches bei A. Haas, Rügenſche Sagen und Märchen, 1. Aufl. S. 208; O. Dähnhardt, Schwänke aus aller Welt Nr. 51: Fr. S. Krauß, Sigeunerhumor S. 188. Ferner erzählte man vor einigen Jahren in der Gegend von Czarnikau folgende Geſchichte: Ein Inſpektor fuhr einſt mit ſeinen Leuten Roggen ein. Als er wieder auf das Feld kam, um eine neue Fuhre zu holen, bezog ſich plötzlich der HBimmel, und es fing an zu regnen. Aus Arger darüber, daß das Korn jetzt einregnete, nahm er ſeinen Stock, hielt ihn gen Himmel und ſagte, er wolle jetzt Gott erſchießen. Da krachte es mit einem Male los, als wenn wirklich jemand mit dem Gewehr geſchoſſen hätte, und in demſelben Augenblick war der Inſpektor verſchwunden; an der Stelle aber, wo er geſtanden hatte, lag ein großer Stein. Über die Sage vom Gottesfrevler ſ. Seitſchrift des Vereins für Volkskunde XVI, I?? ff. und 429. Bei U. Jahn, Volksmärchen aus Pommern und Rügen S. 51 zielt Hans im Übermut mit ſeinem Schlüſſel nach einem vor⸗ überfliegenden Vogel und ruft:Ach, wenn doch jetzt mein Schlüſſel eine Piſtole wäre! Und krach ging auch ſchon der Schuß los.

Das Märchen vom Juden im Dorn kehrt mehrfach wieder. Bei L. Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Chldenburg Bd. II S. 530 wird es nicht erzählt, ſondern nur auf Grimm verwieſen. Bei U. Jahn, Volksmärchen S. 132, findet es ſich als kurze Epiſode ein⸗ geſchoben in das Drachenmärchen vom Bärenſohn, und hier kommt die Fiedel noch zum zweiten Mal zur Anwendung, indem der Bärenſohn einen Drachen faſt zu Tode fiedelt. Ebenſo iſt die Geſchichte eingeſchoben in dem pommerſchen Märchen von der falſchen Schweſter, ſ. Blätter für pom. Volkskunde IV, 22. Hier wird die Geige ſogar dreimal gebraucht, indem Hans zuerſt ſeine Schweſter, dann einen Juden und zuletzt eine Schar von Räubern tanzen läßt, bis ſie kein Glied mehr rühren können. Auch bei M. Toeppen, Aberglauben aus Maſuren S. 142 f. findet

*) S. O. Knoop, Schwank und Streich aus Pommern S. 26. Eine Poſener Erzählung vom Juden Twar⸗ digrosz teilte mir Herr A. Szulczewski mit. Sie wird in der SeitſchriftAus dem Poſener Lande Jahrgang IV. abgedruckt werden.