Aufsatz 
Posener Märchen. Ein Beitrag zur Heimat- und Volkskunde der Provinz Posen
Entstehung
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o.

Aus Kujawien, mitgeteilt von Herrn Lehrer A. Szulczewski in Brudzyn. Polniſche Sagen erzählen öfters,z daß Geiſtliche oder auch andre Leute, die in der Kirche beſtattet worden ſind und die keinen guten Lebenswandel geführt haben, in der Nacht aufſtehen und in der Kirche allerhand Unfug treiben oder treiben müſſen. Beſonders gern zerbeißen oder zerbrechen ſie die Altarlichte. Dgl. meine Oſtmärkiſchen Sagen, Märchen und Erzählungen Nr. 1921. Ferner berichten die Bewohner von Ludom(Ar. Obornik) folgendes: Vor ungefähr 5060 Jahren wurde in der Kirche des Nachts immer eine von den ſechs auf dem Hochaltar auf der linken Seite ſtehenden Kerzen zerbrochen. Deshalb verſprach der Geiſtliche demjenigen, der ihm den Übel⸗ täter nennen würde, eine Belohnung. Bald darauf meldeten ſich vier Jünglinge aus Ludom, die ſich erboten, in der Kirche zu wachen. Als ſie nun in der Kirche lauerten, ſahen ſie, wie um Mitternacht ein Geſpenſt, in dem ſie den verſtorbenen Grafen Lipinski*) erkannten, aus dem unterirdiſchen Gewölbe, in dem er begraben war, herauskam, die Uerze in zwei Stücke teilte und dann verſchwand. Der Geiſtliche entnahm daraus, daß der Graf unwürdig ſei, an der Stelle zu liegen, wo er lag, und daß er durch ſein Erſcheinen kundtun wolle, man ſolle ſeine Leiche aus dem unterirdiſchen Gewölbe fortnehmen und anderwärts begraben. Das geſchah denn auch gleich am folgenden Tage, und ſeit der Zeit blieben die Kerzen unverletzt.

Ferner wird in Aujawien erzählt: Vor langen Jahren ſtarb in Strelno ein Propſt und wurde in der dortigen Uirche begraben. Er fand aber im Grabe keine Ruhe, denn er war wegen ſeines ſchlechten Lebenswandels dazu verdammt worden, allerlei Unfug in der Uirche zu treiben. Sobald der letzte Schlag der Mitternachtsſtunde verklungen war, entſtieg er ſeinem Grabe und las am Hauptaltar die Meſſe, während die Orgel von Geiſtern geſpielt wurde, ſo daß man ſie in der ganzen Stadt hören konnte. Das Schlimmſte an der Sache aber war, daß der Geiſt nach vollendeter Meſſe alle im Lichte ſtrahlenden Kerzen vom Altar nahm, ſie zerbrach und in die Mitte der Uirche ſchleuderte. Da das jede Nacht geſchah, entſchloß ſich endlich der damalige Strelnoer Propſt, den Geiſt zu bannen und ſo die Uirche vor fernerem Schaden zu bewahren. Die Polizei ſagte ihm Hilfe zu, und eine Menge Neugieriger hatte ſich zu der feſtgeſetzten Stunde eingefunden. Als die Turmuhr 12 ſchlug, machte man die Kirche auf, und Propſt, Polizei und Volksmenge gingen hinein. Der Geiſt ſtand ſchon vor dem Hauptaltar. Als er ſah, daß der Propſt auf ihn zukam, ging er hinter den Hauptaltar, der Propſt ihm nach; der Geiſt kleidete ſich zur Meſſe an, der Propſt tat dasſelbe; der Geiſt ging zum Zauptaltar, um die Meſſe zu verrichten, der Propſt folgte ihm. Beide fingen nun an, die heilige Handlung zu verrichten, Wort für Wort zuſammen, und die Orgel ſpielte auf geiſterhafte Weiſe dazu. Da wurde dem Propſt auf einmal bange, und er begann langſamer zu leſen und zu beten. Da aber raunte ihm der Geiſt zu:Spute dich, oder ich drehe dir den Hals um! Der Propſt mußte nun mit dem Geiſt weiterleſen. Als ſie endlich fertig waren, ging der Geiſt wieder in die Sakriſtei, um ſich auszuziehen; der Propſt hinter ihm her, um dasſelbe zu tun, und dann fingen beide an, die nach der Meſſe zu verrichtenden Gebete herzuſagen. Zum Schluß ſagte der Propſt zu dem Geiſt:Gelobt ſei das allerheiligſte Altarsſakrament!Nein! erwiderte ihm der Geiſt und verſchwand. Jetzt wurde der Leichnam des Prieſters aus der Gruft genommen, auf entlegene Wege getragen und hier begraben, und ſeit der Zeit blieb in der Kirche alles ſtill.**)

Im übrigen vergleiche man zu unſrer Erzählung H. Jannſen, Märchen und Sagen des eſtniſchen Volkes S. 61: Martin und ſein toter Herr. Der Diener Martin iſt in die Kirche einge⸗ ſchloſſen, in der vor drei Wochen ſein Herr begraben worden iſt. Erſt tief in der Nacht erwacht er und ſieht außer andern auch ſeinen verſtorbenen Herrn, dem gegenüber er ſich auch für tot ausgibt. Der Herr führt ihn in den Stall, wo er die Roſſe quält, dann in das Haus, wo er ſeine Frau plagt, und zuletzt offenbart er dem Diener, wo er ſein Geld verſteckt hat. Martin bannt den Toten durch ein von dieſem ſelbſt angegebenes Mittel in ſeine Gruft und erzählt dann ſeiner Berrin, was er erlebt hat. Aus Dankbarkeit heiratet dieſe ihn, und beide leben glücklich miteinander. Eine ähnliche Erzählung bei E. Sklarek, Ungariſche Volksmärchen Nr. 22: Der gnädige Herr und der Kutſcher Hans. Hier wird S. 296 noch auf ein däniſches und ein isländiſches Märchen verwieſen.

*) Von dieſem Grafen Lipinski(eigentlich Lipski) wird in der Umgegend viel gefabelt, ſ. Rogaſener Familienblatt Jahrg. IX S. 3.

**) Eine ähnliche Sage aus Hochberg habe ich mitgeteilt inAus dem Poſener Lande Jahrg. III S. 524.