Aufsatz 
Posener Märchen. Ein Beitrag zur Heimat- und Volkskunde der Provinz Posen
Entstehung
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dieſe auf dem Sterbebette lag, bat ſie den Vater, nach ihrem Tode jede Nacht einen Soldaten bei ihr Wache ſtehen zu laſſen. Sie wurde in der Kirche beigeſetzt, und der König ließ nachts einen Soldaten an ihrem Grabe Wache ſtehen. Als man am andern Morgen die Kirche öffnete, war der Soldat fort, denn die Königstochter hatte ihn verſchlungen. So ging das auch in den folgenden Nächten. Schließlich kam ein verheirateter Soldat an die Reihe, Wache zu halten. Als dieſer in der Kirche allein war, nahm er Flinte und Mütze und lief fort. Unterwegs kam ihm ein Greis entgegen und hielt ihn an. Es war der Heiland ſelbſt. Er riet dem Flüchtigen, in die Kirche zurück⸗ zukehren, ſeine Flinte neben dem Grabe aufzuſtellen, auf dieſelbe ſeine Mütze zu hängen und ſich dann auf dem Chor zu verbergen. Der Soldat tat es. Gegen Mitternacht kam die Königs⸗ tochter aus dem Grabe hervor und trat an das Gewehr, indem ſie glaubte, den Soldaten vor ſich zu haben. Sie zerbiß das Gewehr; aber als ſie den Betrug merkte, lief ſie wütend in der Kirche herum und ſuchte den Soldaten. Sie fand ihn aber nicht und mußte, als ihre Feit um war, in das Grab zurückkehren. Als man den Soldaten am andern Morgen am Leben fand, war man ſehr verwundert darüber und berichtete es ſofort dem Könige. Dieſer ließ den Soldaten vor ſich kommen und fragte ihn, was er geſehen habe; doch der Soldat verweigerte jede Auskunft. Nun befahl ihm der König, auch in der nächſten Nacht zu wachen. Es geſchah dasſelbe wie in der Nacht vorher, und da der Soldat ſich wieder weigerte, Auskunft zu geben, mußte er auch in der dritten Nacht wachen. Er ging in die Kirche und floh wieder auf demſelben Wege wie vorhin; und wieder begegnete er dem Greiſe, der ihm riet, für dieſe Nacht außer ſeiner Flinte ein Gebetbuch, ein Kreuz und einen Stock mitzunehmen; wenn dann die Königstochter aus dem Grabe geſtiegen ſei, ſolle er ſich ſofort in dasſelbe legen und ſich das Ureuz auf die Bruſt, den Stock zur rechten und das Gebetbuch zur linken Seite hinlegen. Wenn dann die Königstochter wieder in ihr Grab zurückkehren wolle, ſo ſolle er ſie nicht hineinlaſſen, ſie vielmehr zwingen, das Kreuz und das Gebetbuch von ihm fortzunehmen und aus dem Buche zu leſen; und weigere ſie ſich zu leſen, ſo ſolle er mit dem Stocke auf ſie zuſchlagen. Der Soldat tat, wie ihm befohlen war, und alles ging nach Wunſch. Als nun zuletzt die Königstochter zu ihrem Grabe zurückkehrte und den Soldaten darin fand, forderte ſie ihn auf wegzugehen. Er aber zwang ſie, das Kreuz und das Gebetbuch zu nehmen; dann ſtieg er aus dem Grabe, führte ſie zum Altar und befahl ihr zu leſen. Als ſie ſich weigerte, nahm er den Stock und ſchlug auf ſie los. Nach jedem Schlage erbrach ſie ſich, und jedesmal kam einer von den verſchluckten Soldaten geſund wieder zum Vor⸗ ſchein. Schließlich waren alle verzehrten Soldaten wieder da, und es waren ihrer ſo viele, daß die ganze Kirche mit Soldaten angefüllt war. Als der König das am andern Morgen ſah, freute er ſich ſehr darüber. Der Leichnam der Tochter wurde nun noch einmal begraben, und ſeit der Zeit ſpukte ſie nicht mehr. Den mutigen Soldaten aber belohnte der König reichlich und entließ ihn dann.

Zum Schluß dieſes polniſchen Märchens, das hier im Auszug wiedergegeben iſt, ſtimmt eine heſſiſche Erzählung bei Th. Bindewald, Oberheſſiſches Sagenbuch S. 142(Gehobener Ceufelsbann). Das vom Ceufelsbann erlöſte zwölfjährige Mädchen legt ſich wieder in den Sarg, ſchließt die Augen und wird und bleibt Leiche. In dem Poſener Märchen erſcheint die verhexte Königin nicht als Leichenfreſſerin, doch weiſen auch hier die langen und großen Zähne offenbar auf eine vampyrartige Geſtalt hin. Eigentümlich iſt der Poſener Faſſung auch die ſchließliche Erlöſung durch das Untertauchen unter das Waſſer. Die reinigende Kraft des Waſſers hebt erſt die Verzauberung völlig auf.

4. Der Tote in der Kirche.

In Kujawien lebte vor vielen Jahren ein reicher Herr. Er beſaß mehrere Güter und ein prächtiges Schloß, und in dieſem befand ſich in einem unterirdiſchen Gewölbe ſehr viel Geld. Ganze Connen mit Golddukaten ſtanden darin.

Sein Diener Chomas hätte gern einmal einen Blick in das Gewölbe geworfen; aber obgleich er ſonſt großes Vertrauen bei ſeinem Herrn genoß und hingehen konnte, wohin er wollte, durfte er doch die Schatzkammer nicht betreten. Sogar den Schlüſſel zu derſelben verſteckte ſein Herr ſo gut, daß er den Ort nicht wußte. Da ſtarb der Herr und wurde im Grabgewölbe der Kirche beigeſetzt. Aber er fand keine Ruhe im Grabe, denn wegen ſeines gottloſen Lebens war er dem

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