Aufsatz 
Grundzüge der kaufmännischen Architektur und ihre Behandlung im Unterrichte der Handelsschule
Entstehung
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hof des Mammonstempels handelt. Händler mit gerösteten Kastanien u. dergl. mieten einen Platz in einem bestimmten Thorbogen, und diekohlensaure Jungfrau hat trotz ihrer Bude ein festes Geschäft.

Der wirklich seßhafte Handel ist entweder Kontor- oder Ladenhandel. Ersterer wird auch wohl Großhandel genannt und bedarf größerer Lagerstätten; er soll in Verbindung mit diesen behandelt werden. Die Läden, in denen sozusagenalles oder wenigstens vielerlei zu haben ist, stellen jedenfalls die unterste Entwicklungsstufe des seßhaften Kauf- manns dar. Blieb er nun einmal am Orte, so mußte er auch für alle möglichen Dinge Rat schaffen. Man findet solche Läden daher zumeist an kleineren Orten oder in den abgelegenen Teilen großer Städte. Der NameGemischtwarenhandlung,Kramladen bezeichnet und ein zusammengesetzter Duft verrät sie. Zu ihrer Unterbringung wird gewöhnlich kein besonderes architektonisches Geschick gefordert. Jeder von der Straße leicht zugängliche Mietsraum, dem höchstens ein Keller zugehören muß, befriedigt sie. Allerdings sind die Straßenecken bevorzugt. Auch nach außen schauen sie nicht mit großen Augen; doch ist die Kundschaft oft recht zahlreich und einträglich; die Thürschwelle ist meist tief ausgetreten und das Gebimmel der Thürglocke verstummt selten.

Die innere Einrichtung besteht aus Regalen mit offenen oder geschlossenen Fächern und Schubkästen, aus Gestellen für Tonnen, Fässer u. derg]. Einen grossen Raum nimmt der Ladentisch ein, auf welchem die Wage steht, während ein Schlitz in der Platte, zu der darunter befindlichen Kassenschublade führt, Früher sah man in der Nähe dieses Schlitzes vielfach falsche Geldstücke festgenagelt. Über dem Tische befinden sich an einem Gestelle gewöhnlich die notwendigen Düten und die Rolle mit Bindfaden. Diese Düte oder Tüte ist

ewissermaßen das Symbol des Kleinhandels, daherTütchenkrämer. Der Name hängt zusammen mit tüten-blasen, da dieselbe Form auch bei Blasinstrumenten vorkommt. Eng- linder und Franzosen vergleichen sie daher auch mit einem Horne:Un cornet de dragées. Schon die Römer kannten sie unter der BezeichnungKapuze(Cucullus). Martial sagt zu seinem Manuskripte:Mache, daß du einen guten Verleger bekommst, sonst mußt du in die Küche wandern, um Salzfische zu bedecken, oder eine Kapuze für Weihrauch und Pfeffer werden. Die Griechen benutzten an ihrer Stelle oft grüne Blätter, besonders Feigenblätter. In der attischen Komõdie heißt es:Geh, hole mir ein Feigenblatt eingelegte Oliven; ein Feigenblatt Rindstalg. Die eigentlichen Düten wurden gedreht; die heutzutage fabrikmäßig hergestellten und geleimten Papiersäcke kann man nicht mehr Düten nennen.

Bedürfnis sind Gesamtläden als Brennpuukte der Kultur auch draußen in wilden Ländern, z. B. in unseren Koloniéeen. Der Handelsverkehr vollzieht sich dort im wesentlichen noch in der Form des Tauschhandels, d. h. es findet zwischen den Eingeborenen und dem europäischen Kaufmann ein unmittelbarer Austausch der Erzeugnisse des Landes gegen die mannigsfaltigsten Waren Europas statt. Bis vor wenig Jahren geschah das hauptsächlich in den Faktoreien der Küste, wo der Kaufmann seine schwarzhäutige Kundschaft hinter dem Ladentische erwartete. In neuerer Zeit zwingt bereits der Wettbewerb den Kaufmann, selbst ins Innere des Landes zu gehen, gegen seine frühere Gewohnheit dort Faktoreien anzulegen und den Kunden entgegenzukommen. Eingeführt werden: Baumwolle und Baumwollen- waren, Spirituosen, Materialwaren und sonstige Verzehrungsgegenstände, Tabak, Pulver, Eisen und Eisenwaren, Droguen, Apotheker- und Farbwaren, Zündhölzer, Holz und Holz- waren. Wein, Seife, Parfümerieen u. s. W. Die Anlage von Faktoreien ist bei Deutschen und Engländern gleich. In Kamerun Z. B. liegen sie an der Hafenstraße hart an der Lagune. Da kommt zuerst das Wohnhaus, luftig, leicht und elegant. Die Grundmauern sind aus Stein, der weitere Aufbau aus Holz. Darüber spannt sich ein leichtes gefälliges Dach; das Ganze blendend weiß. Zu ebener Erde befindet sich das Kontor, ein paar kleine disponible Zimmer und der kühlle luftige Speisesaal. Im oberen Stock liegen die Wohn-, Schlaf- und Empfangs- zimmer. Um das ganze Haus, das im Grunde nur klein ist, läuft eine breite Veranda, zu der Treppen führen, und die sich an einer oder zwei Stellen zu kioskartigem Vorbau erweitert. Dort münden alle Räume, man sieht Portieren, gefällige Stühle und ziemlichen Luxus. Weit davon liegen die mächtigen Lagerhäuser für die Exportartikel; denen folgen kleinere, well-