Aufsatz 
Grundzüge der kaufmännischen Architektur und ihre Behandlung im Unterrichte der Handelsschule
Entstehung
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Die Entwertung der Messen beleuchtet ein Antrag aus der Stadtverordneten- versammlung zu Frankfurt a. M. im November 1900, der aſlerdings eine Aufhebung noch nicht zur Folge hatte:Die Frankfurter Messe hatte bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine hervorragende Bedeutung für Handel und Industrie; aber mit der Erfindung der Eisen- bahnen begann die Messe immer mehr an Bedeutung zu verlieren, indem Käufer und Ver- käufer nicht mehr nötig hatten, hier zusammenzukommen, um den Ein- und Verkauf ihrer Waren vorzunehmen. Durch das bequeme Reisen auf der Eisenbahn werden den Käufern auch auf den entlegensten Orten von Seiten der Fabrikanten und Grossisten durch den Reisenden so oft und schnell persönlich Offerten unter Vorlage von Mustern gemacht, daß keiner mehr nötig hat, eine Messe zu besuchen, um da seinen Bedarf zu decken. Bis vor circa 5 Jahren kamen noch einzelne kleine Fabrikanten auf die hiesige Messe, mehr aus alter Gewohnheit; aber auch diese sind weggeblieben, weil sie keine Geschäfte mehr machen konnten. Heute ist die einst so berühmte Frankfurter Messe zu einem armseligen Kram- markt, wie man sie auf kleinen Orten findet, herabgesunken. Die Verkäufer rekrutieren sich aus wandernden Hausierern, die ihre 10, 20 und 50 Pfennigware in alten, vom Zahn der Zeit angenagten Baracken feilbieten. Trotzdem ist eine Fortdauer, ja Fortentwicklung mancher Messen in verschiedener Beziehung möglich und vorhanden.

Abgesehen davon, daß die allgemeinen Ausstellungen und Volksfeste auch zu einer Art Messe geworden sind, blühen an verschiedenen Orten Spezialmessen. In den altehr- würdigen Räumen des Zeughauses von Nürnberg hat ein Teil des Hopfenmarktes Unterkunft gefunden. Der Innenraum ist abgeteilt und an Kommissionäre vermietet, deren es dort etwa 40 giebt. Diese vermitteln die Ware an Kaufleute und Exporteure, welche dann wieder die Brauer versorgen. Das weite Haus kann nicht alle aufnehmen, sie haben ihre Lager in dem anstoßenden Frauengäßchen, der Breiten- und Brunnengasse u. s. w. Ein großer Teil der würzigen Pflanze lagert vor dem Zeughause auf dem Platze, den zu Anfang des 19. Jahrh. der Stadtgraben einnahm. Zur Zeit der Saison, vom 1. September bis gegen Weihnachten herrscht hier reges Leben. Nürnberg ist die erste Hopfenhandelsstadt nicht nur Deutschlands, sondern des Kontinents. Das dortige Adreßbuch weist 336 Hopfenhändler auf. Im Geschäftsjahre 1896/97 verkauften die Kommissionäre 75 000 Ballen. Mit der Bahn kamen an 200 885 Ctr. und gingen ab 196 700 Ctr. Dabei ist die Zufuhr aus der Umgegend, welche doch auch tausende von Säcken beträgt, nicht eingerechnet.

In Leipzig steht der Verkehr in Rauchwaren und Büchern fortgesetzt in Blüte. Das Verbandhaus der Buchhändler ist ein Schmuck der Stadt. Noch wichtiger jedoch ist die Um- wandlung anderer Geschäftszweige in Musterlager. Die Stadt hat an Stelle des alten Ge- wandhauses und des Konservatoriums für 900 000 Mark ein riesiges Kaufhaus erbaut, welches geeignete Räume für Musterlager, besonders in Bronzen, keramischen Artikeln, Kurz-, Galan- terie- und Spielwaren, enthält. Die Fabrikanten treten auf diese Weise immer wieder in persönlichen Verkehr mit ihren alten Kunden, gewinnen neue und können unter Berück- sichtigung von Mode und praktischem Bedürfnis ihre Ansichten über die Gestaltung der künftigen Produktion austauschen. So bietet der Musterlagerverkehr einen glänzenden Ersatz für den unmittelbaren Umsatz und wird auch ferner eine unentbehrliche Einrichtung bleiben und die Erzeugnisse aller Weltteile zum Vergleich und Tausch stellen.

Auch der Wanderhandel mit Erzeugnissen der Landwirtschaft hat sich an größeren Orten für bestimmte Zeiten zu einem Markte verdichtet. In gewissem Sinne geschieht das schon an manchen Bahnhöfen, an denen bestimmte Nahrungsmittel in größeren Mengen zur Ausladung kommen. So laufen auf dem schlesischen Bahnhofe zu Berlin zweimal wöchentlich Extrazüge mit Geflügel aus Galizien ein. Die Tiere sitzen in Kästen, zwischen deren Brettern Lücken gelassen sind. Ein Wagen faßt etwa 100 solcher Kisten, jede Kiste 50 bis 100 Vögel. Ein lebhaftes Treiben mit dem obligaten Geschrei entwickelt sich, in einer Stunde aber ist das Geschäft abgewickelt.

Innerhalb der Städte hat sich ein großer Teil der Hausierer, meist dem weiblichen Geschlechte angehörig, wenigstens für einige Stunden seßhaft gemacht auf dem sogenannten Wochenmarkte. Mit Recht führen sie den Näâmen Hockinnen. Meist sind sie samt ihren